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Kritik: Das Fieber - Der Kampf gegen Malaria (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Was außerhalb seines Sichtfelds liegt, interessiert ihn häufig nicht oder nur am Rand. Das trifft auch auf Krankheiten wie Malaria zu. Wer nicht schon einmal selbst in ein Malariagebiet gereist ist und Malariaprofilaxe betreiben musste, der dürfte über diese Krankheit nicht viel wissen. In den Medien ist sie so gut wie nicht präsent. Mit ihrem Dokumentarfilm möchte Katharina Weingartner das nun ändern.

Das Anliegen der österreichischen Filmemacherin ist hehr. Und auch ihr Ansatz, die Lage konsequent aus afrikanischer Perspektive zu schildern, ist lobenswert und erfrischend. Weingartner begründet diese Entscheidung im Presseheft zum Film damit, dass sie und ihr Team "die Menschen zu Wort kommen lassen [wollten], die tatsächlich mit Malaria leben, die dagegen kämpfen, die aber niemand hört und sieht. Sie sollten ihre Geschichte selbst formulieren". Doch ausgerechnet die Perspektive ist die größte Schwachstelle, weil sich der Film dadurch angreifbar macht.

Die Erzählung dieses Dokumentarfilms geht so: Die Pflanze Artemisia annua könnte womöglich ein geeignetes Mittel zur Bekämpfung von Malaria sein. Doch anstatt die potenzielle Heilwirkung der Pflanze zu erforschen, blockieren Regierungen, die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Pharmakonzerne und die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung die Forschung oder erschweren diese zumindest oder interessieren sich schlicht nicht dafür. Ebenso finde die Forschung und die Entwicklung von Medikamenten fast ausschließlich im Westen statt, der die Expertise der Afrikaner zu wenig berücksichtige. Weshalb das so ist, wird nicht erfragt. Dass monetäre Gründe und postkoloniale Strukturen dahinterstecken, wird jedoch wiederholt nahegelegt.

Viele der im Film formulierten Fragen müssen dringend gestellt werden. Und die indirekt erhobenen Vorwürfe mögen durchaus berechtig sein. Ob sie tatsächlich zutreffen, erfährt das Publikum nicht. Beziehungsweise durch Weingartners Vorgehen erwecken viele der im Film getroffenen Aussagen den Eindruck einer bloßen Behauptung. Denn Weingartner hat mit keinem der Beschuldigten gesprochen. Im Presseheft heißt es hierzu in Bezug auf Bill Gates, dessen Stiftung und deren Arbeit auf dem Gebiet der Malariabekämpfung: "Irgendwann haben wir realisiert, dass uns diese großen Sprüche eigentlich nicht interessieren, die Medien sind voll davon." Damit zieht sich die Regisseurin viel zu einfach aus der Affäre. Schließlich hätte ihr Film weder Bill Gates noch der WHO, den Pharmakonzernen oder afrikanischen Regierungen eine Plattform für "große[n] Sprüche" bieten müssen, sondern ihnen stattdessen entscheidend auf den Zahn fühlen können, ja müssen.

Hier verschenkt der Film leichtfertig bis sträflich eine Chance, die sich negativ auf den Gesamteindruck auswirkt. An der positiven Aussicht, dass eine seit Tausenden Jahren bekannte Pflanze einen Weg aus der Krise aufzeigen könnte, ändert das aber nichts.

Fazit: Dieser Dokumentarfilm, der am Weltmalariatag seinen Streaming-Start feiert, macht auf eine Krankheit aufmerksam, die jedes Jahr unzählige Menschenleben fordert. Die Fragen, die der Film etwa zum Verhältnis von Regierungen, Pharmaindustrie, Stiftungen und der WHO aufwirft, sollten weiterverfolgt werden. Und auch die Frage, ob eine Pflanze die Lösung sein könnte, ist spannend und macht Hoffnung. Die Art und Weise, wie die Regisseurin Katharina Weingartner dieses komplexe Thema behandelt, ist jedoch viel zu simpel und einseitig.




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