oder
Die Dohnal - Frauenministerin/Feministin/Visionärin
Die Dohnal - Frauenministerin/Feministin/Visionärin
© eksystent distribution filmverleih

Kritik: Die Dohnal - Frauenministerin/Feministin/Visionärin (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Aus heutiger Sicht erscheinen Johanna Dohnals Forderung wenig verwegen, zu ihrer Zeit forderten sie die Gesellschaft und die darin tonangebenden Männer heraus. Die Dohnal war beharrlich und dadurch vielen lästig und wollte zeitlebens lästig bleiben, wie sie es in einer Dankesrede, die Sabine Derflingers Dokumentarfilm zitiert, selbst formuliert hat. Zu Beginn geht auch Derflinger ihrem Publikum auf die Nerven.

Formal ist der Film der Österreicherin, die als Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin tätig ist und fürs Kino und Fernsehen ("Tatort", "Vorstadtweiber" u. a.) gedreht hat, ein recht klassischer Mix aus Archivmaterial und Interviews. Den zum Verständnis nötigen historischen Kontext stellen Texttafeln her, die zu Beginn des Films von einer enervierenden Musik begleitet werden, was wiederum das Lesen erschwert. Das irritiert, setzt aber auch einen Denkprozess in Gang. Warum hat Derflinger diese Form gewählt? Was bezweckt sie damit? Vielleicht möchte sie ja zum Ausdruck bringen, dass Fakten manchmal wehtun müssen, dass die Wahrheit nervt. Die Aufmerksamkeit ist zumindest geweckt.

Mehr Aufmerksamkeit haben sowohl Johanna Dohnal als auch ihr Kampf für Frauenrechte verdient. Das Archivmaterial zeigt diese Frau meist mit einer bemerkenswerten Ruhe und Beharrlichkeit, die manchem aufgebrachten Mann den Wind aus den Segeln nimmt. Viele der jungen Feministinnen, die im Film vorkommen, beziehen sich zwar auf Dohnal, haben von ihr aber erst im Erwachsenenalter erfahren. In der Schule ist die erste Frauenministerin Österreichs bis heute kaum beziehungsweise kein Thema. Ebenso aufmerksam sollten nicht nur Dohnals Errungenschaften betrachtet werden, sondern auch all ihre Forderungen, die bis heute immer noch nicht erfüllt sind.

Im Gespräch mit den Alten und Jungen, mit Wegbegleiterinnen Dohnals und mit ihren geistigen Nachfolgerinnen zeigt Sabine Derflingers Film auch auf, dass progressive Bewegungen immer in Zyklen verlaufen, dass sie die Errungenschaften ihrer Vorkämpferinnen häufig vergessen und sich mit dem bereits Erreichten zufriedengeben, bevor sie daran erinnert werden, was noch alles zu tun ist.

Derflingers Film tut dies in Form eines Gesprächs- und Gedankenstroms, bei dem fast ausschließlich Frauen zu Wort kommen, ohne dass einen die Abwesenheit der Männer in irgendeiner Weise störte. Ein wichtiger Film über die Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft der Frauenrechtsbewegung und ein würdiges filmisches Denkmal für Johanna Dohnal.

Fazit: Sabine Derflingers Dokumentarfilm setzt Österreichs erster Frauenministerin ein filmisches Denkmal. Darüber hinaus ruft Derflinger ihrem Publikum ins Gedächtnis, wie mühsam und lang der Weg zu Gleichberechtigung sein kann und dass er weiterhin beschritten werden muss. Mit ihrer beharrlichen und unbeirrbaren, dabei stets sachlichen und freundlichen, wenn es sein musste, aber auch energischen Art kann Johanna Dohnal auch heute noch vielen als Vorbild dienen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.