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Carmilla  Führe uns nicht in Versuchung
Carmilla Führe uns nicht in Versuchung
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Kritik: Carmilla (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Emily Harris' "Carmilla – Führe uns nicht in Versuchung" ist eine Verfilmung der gleichnamigen, 1872 erschienenen Schauernovelle des irischen Schriftstellers Sheridan Le Fanu, in der eine junge Frau auf die titelgebende Vampirin trifft. Le Fanus Werk inspirierte Bram Stoker zum berühmten Vampirroman "Dracula", der 25 Jahre später entstand. Auch diente die Geschichte schon oft als Vorlage fürs Kino, etwa für Carl Theodor Dreyers "Vampyr – Der Traum des Allan Gray" (1932) oder für Camillo Mastrocinques "Ein Toter hing am Glockenseil" (1964); der Stoff wurde dabei jedoch meist sehr lose adaptiert. Harris' Version nimmt ebenfalls diverse Änderungen vor – so findet die Handlung nicht, wie im Original, in der österreichischen Steiermark statt, sondern im provinziellen England. Dennoch fängt die Interpretation der Regisseurin und Drehbuchautorin den Kern des literarischen Vorbildes deutlich treffender ein als ein Großteil der bisherigen Bearbeitungen.

Zum einen überzeugt "Carmilla" als Coming-of-Age-Story. Harris zeigt, wie die junge Halbwaise Lara der strengen Erziehung ihrer Gouvernante Miss Fontaine unterliegt – und wie sie ihren Freigeist sowie ihre erwachende Sexualität unterdrücken muss. Die Engländerin Hannah Rae ("Broadchurch") liefert eine sensible Darstellung. Die Faszination, die Lara für die rätselhafte Fremde Carmilla zu empfinden beginnt, wird ebenfalls mit Feingefühl zum Ausdruck gebracht. Zum anderen spielt der Film gekonnt mit den Gothic-Horror-Elementen von Le Fanus Novelle. Ob die von Devrim Lingnau ("Auerhaus") einnehmend verkörperte Titelfigur tatsächlich eine Vampirin ist und die blutigen Albträume von Lara etwas Reales in sich bergen, bleibt in der Schwebe. Vielmehr interessiert sich der Mix aus Drama und Grusel dafür, wie die Verbundenheit zwischen den beiden jungen Frauen als Gefahr angesehen und deshalb verteufelt wird. Eine spannungsreiche Figur ist hierbei die von Jessica Raine gespielte Gouvernante, die ihre puritanischen Ansichten mit Grausamkeit durchsetzt.

Hinzu kommt eine atmosphärische Inszenierung: Die Geräusche der Natur werden sinnlich erfasst, das Produktionsdesign von Alexandra Walker sowie die Kostüme von John Bright und die Musik von Phil Selway tragen zur starken Wirkung bei.

Fazit: Eine stimmungsvoll erzählte Mischung aus Jugenddrama und Schauergeschichte mit talentierten Hauptdarstellerinnen.




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