oder

Kritik: Heimat Natur (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Jan Haft ist einer der renommiertesten deutschen Naturfilmer und mehrfach preisgekrönt. Er dreht fürs Fernsehen und Kino und nimmt dabei die unterschiedlichsten Lebensräume in den Blick: Wälder, Wiesen, Felder, Flüsse, Meere und Moore. In seinem neuesten Film kombiniert er all diese, denn es geht um die Gesamtheit unserer heimischen Natur, wie bereits der Titel verrät.

Haft arbeitet sich von den Alpen in Deutschlands Süden bis an die Ostsee- und die benachbarte Nordseeküste hinab. Dabei macht er auf Bergen und Almen, im Wald und auf Wiesen, in (Hoch-)Mooren, auf der Feldflur, in der Heide und schließlich am und unter Wasser Station. Um all das in einem angemessenen Zeitraum bewerkstelligen zu können, waren drei bis vier Filmteams über eineinhalb Jahre lang parallel unterwegs.

Das Besondere und typisch für Hafts Filme ist, dass er unterwegs nicht nur große Tiere wie Geier, Steinböcke und Bären wie Schwarzstörche, Rinder und Wölfe, sondern auch winzig kleine in den Blick nimmt. Zu den Höhepunkten zählen der Sonnentau, der bereits in Hafts Kinofilm "Magie der Moore" (2015) einen prominenten Platz einnahm, und der Scherenkanker. Dieses Spinnentier aus der Familie der Weberknechte liefert sich einen spektakulären Kampf mit einer Schnecke.

Dass dieser Überlebenskampf so aufsehenerregend geraten ist, liegt an Hafts technischer Herangehensweise. Wie viele seiner vorangegangenen Filme setzt auch "Heimat Natur" auf atemberaubende Makroaufnahmen, auf Zeitlupe und Zeitraffer und das häufig in Kombination mit ausgeklügelten Kamerafahrten. Dadurch liefert dieser Dokumentarfilm nicht nur atemberaubende Bilder, die ihre Wirkung erst auf der großen Leinwand vollumfänglich entfalten, er macht auch Vorgänge sichtbar, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben: Pilze schießen aus dem Boden und Blumen, die nur nachts blühen, entblättern unter Mondlicht ihre ganze Pracht.

Die tolle Optik wird auch in diesem Film von einem Off-Kommentar begleitet. Wer die Naturaufnahmen auf sich wirken lassen und im Stillen genießen möchte, erhält keine Gelegenheit dazu. Denn Hafts Vorliebe, alles Gezeigte zu erläutern, dominiert auch diesen Film. Immerhin trägt der Schauspieler Benno Fürmann, der den Kommentar übernommen hat, das von Haft Verfasste nicht so hochtrabend vor, wie es noch sein Kollege Axel Milberg in "Magie der Moore" tat. Und auch der Kommentar selbst ist diesmal nicht so schwülstig und bedeutungsschwanger, sondern viel sachlicher ausgefallen.

Jan Haft macht auch in diesem Film aus seinem Anliegen, die Natur zu schützen, keinen Hehl. "Heimat Natur" zeigt aber auch, dass (fast) alles zwei Seiten hat. Es gibt Tiere, die der Mensch ausgerottet und nun wieder angesiedelt hat. Manchen Beständen geht es besser, anderen schlechter. Manche menschengemachten Eingriffe sind gut gemeint, aber schädlich. Andere erscheinen auf den ersten Blick schädlich, haben aber auch einen Nutzen für die Natur. Was die Menschen hingegen mehr in den Blick nehmen sollten, sind die Auswirkungen des Stickstoffs. Nicht zuletzt darauf macht dieser beeindruckende Naturfilm, der mit einem Plädoyer für die Begrenzung des Wachstums, für mehr Achtsamkeit und Weitsicht endet, aufmerksam.

Fazit: Jan Hafts neuer Dokumentarfilm sieht so spektakulär aus wie seine vorangegangenen Naturfilme. Statt sich einem einzelnen Lebensraum zu widmen, nimmt der preisgekrönte Regisseur diesmal die Gesamtheit der heimischen Natur in den Blick. Das ist zwar erneut nicht ohne Dauerkommentar aus dem Off zu haben, den Kinobesuch aber auf alle Fälle wert.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.