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New Order - Die neue Weltordnung
New Order - Die neue Weltordnung
© 24 Bilder © Ascot Elite Entertainment

Kritik: New Order - Die neue Weltordnung (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Um eine neue Ordnung zu errichten, muss man die alte erst einmal einreißen. Das geht selten ohne Blutvergießen. Denn die Macht in einem Land ist nicht nur an Institutionen gebunden, sondern auch an die Menschen dahinter. Bevor eine neue Ordnung entsteht, herrscht also erst einmal Unordnung oder anders gesagt: Chaos. In seinem sechsten abendfüllenden Spielfilm führt Michel Franco diese Abläufe eindrücklich vor Augen. Seine Dystopie ist erschreckend nah an unserer Gegenwart.

Michel Franco stand bislang in der zweiten Reihe. Wenn es um große zeitgenössische mexikanische Regisseure ging, musste er seiner Vorgängergeneration um Guillermo del Toro, Alfonso Cuarón und Alejandro González Iñárritu den Vortritt lassen. Mit "New Order" betritt der 1979 geborene Regisseur, Drehbuchautor und Produzent endgültig die Weltbühne. Bereits ein gern gesehener Gast auf internationalen Filmfestivals und unter anderem 2015 in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet, erhielt er für "New Order" den Silbernen Löwen, den Großen Preis der Jury in Venedig.

Ausgezeichnet ist vieles an Francos neuem Film: wie das Drehbuch das Publikum unvermittelt in die Handlung wirft und über kleine Versatzstücke Spannung aufbaut; wie die Kamera sich geschmeidig durch die Hochzeitsgesellschaft bewegt und im Verbund mit dem Skript die Schicksale der acht Hauptfiguren mühelos miteinander verbindet; wie die Regie geschickt die Waage hält zwischen der Gewalt, die gezeigt und der Gewalt, die ausgeblendet wird.

Dieser düstere Blick in eine unbestimmte Zukunft ist deshalb so beängstigend, weil er im Grunde auch ein Blick auf unsere Gegenwart sein könnte. Anders als etwa in Alfonso Cuaróns "Children of Men" (2006), der erkennbar im Jahr 2027 angesiedelt ist, gibt es in "New Order" keine Anzeichen, dass die Handlung überhaupt in der Zukunft spielt. Beim Zuschauen beschleicht einen das unangenehme Gefühl, dass das Gezeigte morgen genau so oder so ähnlich passieren könnte.

Franco, der das Drehbuch selbst geschrieben hat, erzählt von einer Welt, in der Reich und Arm seit Generationen voneinander getrennt leben. In vielen Staaten Lateinamerikas, aber auch andernorts ist das bittere Realität. Die Grenzen verlaufen nicht nur entlang der Klassen, sondern auch entlang der Ethnien. Wer erkennbar indigene Wurzeln hat, dem wird der soziale Aufstieg verwehrt. Um ihren Reichtum zu schützen, gleichen die Villen Festungen. Doch die Gefahr lauert innerhalb der Festungsmauern: beim Personal, mit dem sich die Oberklasse umgibt.

Franco tut gut daran, diese Welt nicht einfach schwarz-weiß, sondern in vielen Graustufen zu zeichnen. Gute und schlechte Menschen gibt es oben wie unten. Und die Dynamiken nach dem Umsturz sind voller Schattierungen. Fast alle sind auf den eigenen Vorteil bedacht, bis die Revolution ihre eigenen Kinder frisst. Die neue Ordnung ist nicht besser als die alte. Nach nicht einmal eineinhalb Stunden ist der Spuk im Kino vorbei, den Schrecken nimmt das Publikum mit nach Hause.

Fazit: Mit seinem sechsten abendfüllenden Spielfilm legt der 1979 geborene Mexikaner Michel Franco eine beängstigend gute Dystopie vor. Sein Szenario ist erschreckend nah an unserer Gegenwart. Ein Film über einen gnadenlosen Klassenkampf, von dem am Ende die üblichen Verdächtigen profitieren.




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