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Kritik: Gaza Mon Amour (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Von politischen Themen erzählt man manchmal am besten, indem man überhaupt nicht von ihnen erzählt. Der zweite abendfüllende Spielfilm der Zwillingsbrüder Arab und Tarzan Nasser ist eine Liebesgeschichte. Ein älterer Fischer verliebt sich in eine gleichaltrige Schneiderin. Ein Märchen über zwei Menschen aus der Arbeiterklasse. Mit Politik hat keiner der beiden etwas am Hut, und doch ist ihr Leben von ihr durchdrungen. Denn diese zärtliche Beziehungskiste – das deutet der Titel bereits an – ist auch ein Film über den Gaza-Konflikt, selbst wenn dieser namentlich nie erwähnt wird.

Issa, der Fischer, und Siham, die Schneiderin, von Salim Dau und Hiam Abbass mit schüchterner Eleganz auf die Leinwand gezaubert, haben sich mit ihrem Leben schon lange arrangiert. Sie kennen die Tricks und Kniffe, um über die Runden zu kommen. Und sie brauchen nicht viel, um glücklich zu sein. In erster Linie möchten sie Ruhe und Frieden. Der nachfolgenden Generation ist das nicht genug. Sie träumt von Freiheit und möchte lieber heute als morgen über das Meer nach Europa. Die Generation ihrer potenziellen Enkel wiederum scheint irgendwo zwischen Gleichgültigkeit und Radikalisierung gefangen.

Arab und Tarzan Nasser erzählen all das zwischendurch und nebenbei, mal melancholisch, mal schwarzhumorig und durchweg lakonisch, wenn Issa etwa zufällig an einer Demonstration der Hamas vorbeikommt und das Kinopublikum für einen Augenblick gemeinsam mit ihm als Schaulustiger am Rand steht. Im Zentrum jedoch steht die Liebe des Fischers zu seiner angebeteten Schneiderin. Und eine kleine Nebenhandlung dreht sich um eine von Issa aus dem Meer gezogene Statue, die die Sittenwächter auf den Plan ruft. Das Eine ist geradezu altmodisch unschuldig und romantisch, das Andere höchst amüsant. Nicht nur unterbricht die Nebenhandlung beständig die Haupthandlung und hält Issa davon ab, Siham endlich seine Gefühle zu eröffnen. Wie zu erwarten, sind die größten Moralapostel am Ende auch die übelsten Strolche.

Arab und Tarzan Nasser entführen ihr Publikum in eine eng begrenzte Welt, deren Bewohner sich ihre Fantasie bewahrt haben. Dort droht die Gefahr nicht nur von außen, sondern auch von innen. Und am Ende bekommt jede Seite ordentlich, aber nie allzu böse ihr Fett weg. Es ist eine wunderschön fotografierte und von traurigen Tönen untermalte Welt, in der uralte erotische Kunst zu chaotischen Verwicklungen führt, weil die Gegenwart verlernt hat, offen mit Erotik umzugehen. In dieser Welt, in der die Liebe von außen wie von innen unter Beschuss geraten kann, setzen die Nasser Brüder all den Zumutungen ganz am Ende ein befreiendes Lachen entgegen.

Fazit: Arab und Tarzan Nassers zweiter abendfüllender Spielfilm ist eine zärtliche Liebesgeschichte. Wunderschön fotografiert, klug geschrieben und fabelhaft gespielt. Ein melancholischer, bewegender und komischer Film, der ebenso beiläufig wie leichtfüßig von den politischen Zuständen im Gazastreifen handelt und diesen mit einem befreienden Lachen begegnet.




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