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Percy
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© MFA Film / PVM Productions INC. 2019 / Mongrel Media

Kritik: Percy (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Percy Schmeiser ist ein bodenständiger Mann: bescheiden, pragmatisch, wortkarg. Wenn die Wetterlage es verlangt, dann steht er mitten im Gottesdienst auf, verlässt leise die Kirchenbank und geht auf den Acker, um seine Ernte einzufahren. Es gibt wichtigere Dinge als Gott. Und während auf der Leinwand großartige Landschaftsaufnahmen endlos erscheinender Rapsfelder zu sehen sind, dringt ruhige, zeitgenössisch angehauchte Countrymusik in den Kinosaal. In diesen ersten Szenen setzt der Regisseur Clark Johnson den Ton, der seinen gesamten Film bestimmt.

Obwohl diese Mischung aus Biopic und Justizdrama Stoff für theatralische Gerichtsszenen hergegeben hätte – immerhin zieht hier ein einfacher Farmer gegen einen weltweit agierenden Großkonzern ins Feld, was sich bereits im Titel "Percy vs. Goliath", unter dem der Film weltweit vertrieben wird, widerspiegelt –, findet sich im fertigen Film nichts davon. Hier schwingen keine Anwälte hochtrabende Reden oder halten pathetische Plädoyers. Und die Urteilsverkündungen sparen Garfield Lindsay Miller und Hilary Pryor in ihrem Drehbuch gleich ganz aus. Clark Johnsons Inszenierungsstil ist wie seine Hauptfigur: ruhig, aufs Wesentliche konzentriert und durchaus humorvoll. Denn der Pragmatismus der Figuren lässt einen schmunzeln.

Johnson ist Schauspieler und hierzulande wohl am ehesten für seine Rolle als Detective Meldrick Lewis in der Fernsehserie "Homicide" (1993-1999) bekannt. Seit 1993 führt Johnson auch Regie, vornehmlich fürs Fernsehen. Fürs Kino legte er bislang den Actionfilm "S.W.A.T." (2003) und den Thriller "The Sentinel" (2006) vor. Zuletzt drehte er für Netflix das Roadmovie "Juanita" (2019). In "Percy" kommt seine Erfahrung aus dem Schauspielfach zum Tragen. Dieses Drama ist voller toller kleiner Szenen zwischen dem gut gecasteten Ensemble.

Die Besetzung des Titelhelden verwundert ein wenig. Christopher Walken gibt den knorrigen und sturen Landwirt zwar perfekt, wird aber auch in dieser Rolle seine unverwechselbare Stimme mit der ihm eigenen, exzentrischen Aussprache nicht los. Walkens nicht zuordenbarer Dialekt ist definitiv kein kanadischer, was Zuschauende, die sich den Film im englischen Original ansehen, irritieren könnte. Wer darüber hinwegsieht bzw. -hört, wird mit einem rundum gelungenen Drama belohnt, in dem Zach Braff und Christina Ricci in ihren Nebenrollen überzeugende und charmante Darbietungen hinlegen. (Vor allem Braff scheint die Schrullen seiner berühmtesten Figur J. D. aus der TV-Serie "Scrubs" endgültig hinter sich gelassen zu haben und empfiehlt sich nach diesem Film für Komödien mit leisem Humor.)

Was "Percy" ganz am Ende auch zeigt: Um es mit einem Großkonzern aufzunehmen, braucht es nicht nur Mut, sondern einen langen Atem und vor allem jede Menge Geld. Der Rechtsweg steht in einer Demokratie zwar jedem offen, ist aber auch kostspielig, was sich ein Großkonzern selbstredend eher leisten kann als ein einfacher Farmer. Dass Umweltaktivisten wie die von Christina Riccis Figur vertretene Organisation dabei ihre ganz eigene Agenda verfolgen, spart "Percy" nicht aus. Nicht zuletzt das macht diesen Film zu einem Drama, das die moderne Landwirtschaft und deren Akteure stets ein wenig realistischer zeichnet, als sie zu romantisieren.

Fazit: Mit seinem dritten Kinofilm als Regisseur legt der Schauspieler Clark Johnson ein leises Justizdrama vor. "Percy" ist eine David-gegen-Goliath-Geschichte, die ruhig, sachlich und pragmatisch bleibt, anstatt dick aufzutragen. Bei all dem Drama vergisst Johnson nicht den Humor. Das tolle Ensemble überzeugt in vielen kleinen und intimen Momenten.




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