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Kritik: Online für Anfänger (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die sozialkritischen Komödien von Benoît Delépine und Gustave Kervern ("Mammuth", "Der Tag wird kommen") sind oft bevölkert von schrägen Charakteren, die nicht gerade fest in einer gutbürgerlichen Existenz verankert sind. Ihr Scheitern oder ihre Verweigerung verweisen auf die Gesellschaft und ihr tägliches Potenzial an Ärgernissen und Ungerechtigkeiten. So wohnt auch in den drei Hauptfiguren dieser in einer Vorstadt mit lauter properen Einfamilienhäusern spielenden Geschichte ein rebellischer Geist. Er lässt sie straucheln, stolpern, sich oft verheddern, und das nicht nur wegen des Internets. Es dauert eine Weile, bis man sich in den zurückgelehnten Erzählstil, die voller merkwürdiger Ereignisse steckende Komödie einfindet, die auf der Berlinale 2020 den Silbernen Bären bekam.

Marie, Bertrand und Christine sind einsam, auch weil sie so viel auf ihre Smartphones und Bildschirme starren. An der Seite dieser drei Personen lässt sich schmunzelnd studieren, wie kompliziert der Alltag geworden ist. Bestellte Waren werden nicht geliefert, Schüler mobben sich mit Videos, die im Netz haften bleiben. Ständig müssen Preise verglichen werden und man kommt im Gespräch mit Callcentern nie an die günstigsten Angebote heran. Die drei Nachbarn, die sich aus der französischen Gelbwesten-Protestbewegung kennen, versuchen, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, statt unter die Räder zu kommen. Wenn ein Schmarotzer, der sich alle möglichen sozialen Hilfen erschleicht, sie zu einem Hacker schickt, der Gott heißt und in einem Windrad sitzt, befürchtet man allerdings, er könnte sie veräppeln.

Marie, Christine und Bertrand sind auch einsam, weil Menschen im Handyzeitalter einander immer weniger vertrauen können. Marie lässt sich auch in San Francisco, wo sie in der Zentrale eines Onlinekonzerns ein kompromittierendes Sexvideo von sich löschen lassen will, wieder auf eine Barbekanntschaft ein. Wird auch er am nächsten Morgen ungefragt Videos von ihr ins Internet stellen? Hier nimmt die Handlung eine überraschende Wendung und haucht dem Film dann etwas von der Leichtigkeit ein, die den drei Hauptfiguren meistens schmerzlich fehlt. Vergnügliche Tupfer setzen auch die Gastauftritte von Benoît Poelvoorde, Bouli Lanners, Michel Houellebecq. Und am Ende wird es sogar ein wenig märchenhaft, wenn sich Bertrand zum Telefonieren eine Meeresmuschel ans Ohr hält.

Fazit: Die französische Komödie von Benoît Delépine und Gustave Kervern widmet sich mit satirischem Biss dem alltäglichen Frust mit sozialen Medien, Onlinehandel, Hotlines und Callcentern. Die drei in einer Vorstadtsiedlung lebenden Hauptcharaktere geraten unter der Last dieser modernen Erscheinungen ins Straucheln, bevor sie mit vereinten Kräften zum Befreiungsschlag ansetzen. Der rebellische Geist der einsamen und meistens auch ziemlich überfordert wirkenden Figuren verleiht der Geschichte einen Hauch von Anarchie. Das schräg anmutende Geschehen wird ohne Hast und mit viel Sinn für wie beiläufig eingestreute Pointen aufgerollt.




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