oder
Glück
Glück
© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Glück (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

"Glück" ist Henrika Kulls zweiter abendfüllender Spielfilm, wirkt aber in vielerlei Hinsicht wie ein Erstlingswerk. Mehr als ein Versuch, ein Gefühl mit der Kamera festzuhalten, ist dieser Film nicht. Die von Kull selbst verfasste Story ist hauchdünn und kommt kaum von der Stelle. Woran es der Handlung aber in erster Linie ermangelt, ist Reibung. In diesem als Liebesdrama verkauften Gefühlskino passiert schlicht zu wenig, als dass es über eine Länge von eineinhalb Stunden tragen würde.

Dabei muss in einem gelungenen Film überhaupt nicht viel vor sich gehen. Jeder Liebesfilm lässt sich ja letzten Endes auf die simple Formel "boy meets girl", also "Junge trifft Mädchen" herunterbrechen. Entscheidend ist jedoch, was dazwischen geschieht: Die Sätze, die zwei Verliebte zueinander sagen, die Momente, die sie miteinander teilen, die Konflikte, an denen sie zu zerbrechen drohen und die sie dann doch gemeinsam lösen. All das hat mit dem echten Leben meist wenig zu tun, weil es erzählerisch überhöht und dramaturgisch zugespitzt ist. Das wahre Leben der meisten Menschen ist schlicht und einfach zu langweilig.

Auch Henrika Kull folgt an der Oberfläche diesem altbewährten Schema, in dem auf das erste Verliebtsein ein Bruch und zu guter Letzt die Versöhnung folgen. Und ihre Grundkonstellation, in der – ganz anders als vom Mainstream-Kino gewohnt – zwei gestandene Frauen und dazu noch Sexarbeiterinnen aufeinander treffen, macht ihren Film zumindest auf dem Papier zu einer spannenden Angelegenheit. Das Ergebnis ist leider so sterbenslangweilig wie das Leben, wei Kull kaum etwas überhöht und zuspitzt. Über weite Strecken mutet ihr Film mehr wie ein Dokumentarfilm über ein Berliner Bordell denn wie ein Liebesdrama an.

Zunächst noch hält das ungewohnte Setting das Publikum bei der Stange. Kull hat in einem echten Bordell gedreht. Und wie eines von innen aussieht und funktioniert, sieht man schließlich nicht alle Tage. Auch die Tatsache, dass man von Sexarbeit ganz anders als sonst üblich erzählen kann, hat zu Beginn des Films einen gewissen Reiz. Kull zeigt Sexarbeit als einen Job wie jeder andere – mit all seinen Routinen, Banalitäten und Leerläufen. Die Arbeit im Bordell ist weder sexy noch verrucht und ziemlich oft ziemlich langweilig. Das ist erfrischend anders, aber auch recht schnell verbraucht. Und wenn schon auf der Arbeit nichts passiert, sollte wenigstens im Privatleben der zwei Protagonistinnen der Punk abgehen. Doch auch hier herrscht gähnende Langeweile.

Dass "Glück" nicht völlig abstürzt, liegt an den zwei herausragenden Hauptdarstellerinnen. Die körperliche Anziehungskraft, die ihre Figuren aufeinander ausüben, bringen Katharina Behrens und die Debütantin Adam Hoya mehr als glaubwürdig rüber. Die Szenen, in denen ihre Figuren Glücksmomente miteinander teilen, sind denn auch die besten im Film. Es wäre schön gewesen, wenn ihnen Kulls Skript auch über die reine Anziehungskraft hinaus etwas angeboten hätte, mit dem sie hätten arbeiten können. Irgendetwas...Doch warum sich diese zwei Frauen abseits des Körperlichen für einander interessieren, scheint wiederum die Regisseurin und Drehbuchautorin nicht zu interessieren. Ihre Liebe bleibt bloß behauptet.

Die Filmhandlung plätschert seelenruhig ihrem Ende entgegen – ohne Reibung, ohne wirklichen Konflikt, ohne Gefahren oder unerwartete Wendungen. Die Figuren haben weder Aufgabe noch Ziel und sich nicht viel zu sagen. Mit ihrem Sohn wechselt die von Behrens gespielte Sascha nicht mehr als zwei Sätze und auch sonst führen die zwei Verliebten kaum einmal eine kreative Konversation. Mehr als belangloser Smalltalk ist das nicht. Wie es diesem Film überhaupt an kreativen Einfällen fehlt. Selbst visuell kommt diese im pseudo-dokumentarischen Stil gefilmte Beziehungskiste ohne eine einzige Einstellung aus, die im Gedächtnis haften bleibt.

Fazit: Henrika Kulls zweiter abendfüllender Spielfilm erinnert über weite Strecken mehr an einen Dokumentarfilm über die Arbeit in einem Berliner Bordell als an das Liebesdrama, das er sein möchte. Die hauchdünne Story kommt kaum von der Stelle, hat keinerlei Reibung oder kreative Einfälle. Und die Figuren haben sich so gut wie nichts zu sagen. Die zwei herausragenden Hauptdarstellerinnen verhindern den Totalabsturz.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.