oder
Plötzlich aufs Land
Plötzlich aufs Land
© Happy Entertainment

Kritik: Plötzlich aufs Land (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wer als Arzt oder Ärztin auf dem Land arbeitet, kommt ohne Idealismus und berufliche Leidenschaft nicht aus. Denn zu jeder Stunde kann man zu Notfällen gerufen werden und in der freien Zeit klopft vielleicht jemand ratsuchend ans Hausfenster. Nicht nur von den Hausärzt*innen, sondern auch von den Veterinärmediziner*innen, die in der Provinz ein weites Gebiet versorgen müssen, wird oft eine Einsatzbereitschaft gefordert, die an Selbstausbeutung grenzt. Das Spielfilmdebüt der Regisseurin Julie Manoukian, die auch das Drehbuch schrieb, erzählt vom aufreibenden Alltag einer Tierarztpraxis im französischen Burgund. Für humorvolle Spannung sorgt das gegensätzliche Paar, das der alteingesessene, überarbeitete Veterinär Nico und die unerfahrene neue Kollegin Alex aus der Großstadt bilden.

Die Schauspielerin Noémie Schmidt überzeugt in der Rolle der widerstrebenden Alex, die nie im Sinn hatte, als Tierärztin auf dem Land zu arbeiten. Wie sie sich dennoch engagiert, um Nico zu entlasten, und dabei in ihrer spröden Art kein Blatt vor den Mund nimmt, lässt sie als Figur interessant und glaubhaft wirken. Clovis Cornillac wirkt als Tierarzt, der sehr viel Verständnis für die Lage seiner Kundschaft hat, ebenfalls glaubwürdig. Nico verzichtet auf angemessenes Honorar von einem Bauern, der selbst draufzahlen müsste, weil der Verkauf eines Kalbs so wenig einbringt. Und er weiß, dass es manchmal nicht nur um einen kranken Hund geht, sondern auch um den Seelenkummer des Menschen, der ihn bringt. Nico zählt außerdem zu jenen Charakteren, mit denen französische Filme gerne für die Erhaltung der ländlichen Infrastruktur und generell für die Stärkung der Provinz plädieren.

Allerdings neigt das Drehbuch dazu, die Probleme Nicos zu übertreiben. Er hat eine mit der Situation unzufriedene Ehefrau, zwei Kinder, die ständig Unsinn im Schilde führen, und finanzielle Sorgen. "Der Landarzt von Chaussy" wirkte da schon realistischer. Hier geht es mehr darum, allerlei Einfälle zusammenzumischen, etwa auch romantische Gefühle zwischen Alex und Marco. Das aber funktioniert überhaupt nicht. Denn die Charaktere wirken oft wie hineingeworfen in eine Situation, die von ihnen als gegeben hinzunehmen ist. Vergnügen bereitet hauptsächlich, wenn Alex, Nico und die schwierige menschliche Kundschaft mal wieder über Kreuz liegen.

Fazit: Das Spielfilmdebüt der Regisseurin Julie Manoukian bezieht seine vergnügliche Spannung aus den Schwierigkeiten, die eine unerfahrene Tierärztin aus Paris auf dem Dorf hat. Noémie Schmidt stattet die junge Frau, die wider Willen in die Fußstapfen ihres Onkels treten soll, mit sprödem Charme aus. Clovis Cornillac spielt als ihr gestresster, erfahrener Kollege in der Tierpraxis den gegensätzlichen Part des komödiantischen Duos. Zwar wirkt die Geschichte inhaltlich etwas arg zusammengewürfelt, aber die Konflikte zwischen den beiden Hauptfiguren und ihrer Kundschaft sorgen für kurzweilige Unterhaltung.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.