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Sehnsucht nach einer unbekannten Heimat
Sehnsucht nach einer unbekannten Heimat
© Filmkultur

Kritik: Sehnsucht nach einer unbekannten Heimat (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ein Mensch kann in Deutschland geboren sein und dennoch statistisch zu den Personen mit Migrationshintergrund zählen. Das ist schon der Fall, wenn ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Nicht wenige der Betroffenen kennen das Gefühl, in Deutschland nicht vollständig heimisch zu sein. Sie haben kulturelle Prägungen erfahren, die ihren Ursprung in einem anderen Land haben, das sie selbst vielleicht gar nicht kennen. So geht es dem Regisseur Holger Gutt. Die Reise mit seinem Vater zu den Wurzeln der Familie im siebenbürgischen Dorf Weidenbach in Rumänien steht im Mittelpunkt seines ersten langen Dokumentarfilms.

Der Film ist das erste vollendete Kinoprojekt der neuen Produktions- und Vertriebsgesellschaft Filmkultur, die Gutt mit Michaela Smykalla gegründet hat. Sie widmet sich Dokumentarfilmen abseits des Mainstreams und unabhängigen Produktionen. Gutts Film ist es anzusehen, dass der Regisseur bereits Erfahrung mit dem Medium besitzt. Die Reise durch Siebenbürgen ist stilvoll ins Bild gesetzt, die Reize der Landschaft und Architektur werden auch unter Einsatz der Drohnenkamera ausgekostet. Dazu erklingen die melancholisch anmutenden Popkompositionen von Andreas Begert. In ihnen spiegelt sich einiges von dem, was der erzählerische Kommentar in Worte fasst, aber noch viel mehr von dem, was auf der Reise ungesagt bleibt und doch atmosphärisch den Raum erfüllt.

Holger Gutt strahlt oft, wenn er aus dem Auto die siebenbürgischen Orte betrachtet, sein Vater Andreas Gutt wirkt nüchtern, fast emotionslos. Das ändert sich aber, als die beiden vor dem Haus stehen, in dem sein Vater aufwuchs: Holger Gutt will hineingehen, sein Vater sträubt sich lange. Von den einst 1000 sächsischen Dorfbewohnern leben nun noch knapp zehn im Ort. Sie treffen sich wie jede Woche zu Kaffee und Kuchen. In ihrer Runde spricht der Vater Dialekt. Dass die untertitelte Unterhaltung um frühere Gewohnheiten kreist, Zucker auf viele Speisen und sogar aufs Fettbrot zu streuen, macht sie interessant und lebendig. Auch die Dialoge im Auto sind oft humorvoll lebendig, zum Beispiel wenn sich Vater und Sohn uneinig sind, wessen Großmutter gerade gemeint ist. Fakten über Historie und Kultur werden nur sparsam eingestreut. Holger Gutt findet das gelobte Land seiner Vorstellungen nicht wirklich, aber die Reise ist dennoch wichtig für ihn. Sie regt auch das Publikum an, über den Begriff Heimat zu reflektieren und wie er individuell mit Leben gefüllt werden kann.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Holger Gutt erzählt von seiner Reise mit dem Vater in die siebenbürgische elterliche Heimat, die der Regisseur nur aus Erzählungen kannte. Der Besuch im Dorf Weidenbach gerät zum Höhe- und Wendepunkt der Reise, die auf sympathische Weise nahe an den Personen bleibt und Historisches über die Siebenbürger Sachsen nur sparsam einflicht. Auch Menschen mit anderem Migrationshintergrund dürften sich in der nachdenklichen Identitätssuche des Protagonisten ein Stück weit wiederfinden.




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