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Look Me Over: Liberace
Look Me Over: Liberace
© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Look Me Over: Liberace (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Jeremy J.P. Fekete hat seinen neuen Film nach einem berühmten Ausspruch seines Protagonisten benannt. Mit den Worten "Look me over!" (deutsch: "Schaut mich an!") hat Liberace seine Bühnenshows in Las Vegas eröffnet. Dieser erste Satz mündete stets in die Pointe, dass er sich schließlich nicht umsonst so herausgeputzt hätte. Dieser Künstler und seine extravaganten Outfits wollten bewundert und geliebt werden, und Liberace war bereit, dafür alles zu geben. Von seinen 5000 Auftritten in der Wüstenstadt verpasste er nur einen einzigen. Dieser Paradiesvogel war auch immer ein Profi. Feketes Film versucht, den Menschen dahinter aufzuspüren.

Dafür ist der Regisseur tief in die Archive gestiegen und hat ehemalige Weggefährten dieses "Mr. Showmanship" befragt. Gegenüber den Archivaufnahmen, die Liberace in den unterschiedlichsten Phasen seiner knapp fünf Jahrzehnte andauernden Karriere zeigen, fallen die im Film geführten Interviews deutlich ab. Das liegt nicht einzig, aber eben auch daran, dass viele Informationen nur aus zweiter Hand stammen. Neben zwei früheren Protegés und Liebhabern, Liberaces Anwalt und Nachlassverwalter und einem Liberace-Imitator nehmen unter anderem Nachkommen seiner Schönheitschirurgen und die Tochter seines Managers vor der Kamera Platz. In den Aussagen werden auch Vorwürfe gegen weitere Wegbegleiter laut. Diese kommen jedoch nicht zu Wort.

Stattdessen greift Fekete zu einem formalen Mittel, das in Dokumentarfilmen generell und im vorliegenden Fall besonders unglücklich wirkt: nachgestellte Szenen. Liberaces ehemaliger Protegé Scott Thorson, über den im Film kaum ein gutes Wort verloren wird und dessen Beziehung zu Liberace durch Steven Soderberghs Film "Behind the Candelabra" (2013, nach Thorsons gleichnamigem Buch) größere Bekanntheit erfuhr, stolpert als stumme Figur durch diesen Film. Ein Schauspieler klappert als Wiedergänger Scott Thorsons die Stationen aus dessen gemeinsamem Leben mit Liberace ab. Auch die übrigen gestalterischen Mittel enttäuschen. Fekete, der bislang viele Doku-Serien fürs deutsche Fernsehen gedreht hat, kommt auch in diesem Film nicht über eine TV-Ästhetik hinaus.

Was Feketes Film hingegen gelingt, ist, ein differenzierteres Bild dieses Entertainers zu zeichnen. Liberace, der bei seinen Kritikern als mittelmäßiger Pianist, als protzig und eingebildet galt, muss nach diesem Film als zwar widersprüchlicher, aber liebenswerter, großzügiger und (zu) gutmütiger Charakter gesehen werden. Wer er wirklich war, ist aber auch nach dem Kinobesuch nicht viel klarer.

Fazit: Dieser Dokumentarfilm versucht, einem der schillerndstens Unterhaltungskünstler aller Zeiten näherzukommen. Doch Liberace bleibt auch nach dem Kinobesuch noch ein Rätsel. Während das präsentierte Archivmaterial den Entertainer auf und abseits der Bühne überzeugend wiederauferstehen lässt, enttäuschen die für den Film geführten Interviews und die Ästhetik des Films.




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