oder
Anna und Herr Goethe
Anna und Herr Goethe
© Sodawasser Pictures

Kritik: Anna und Herr Goethe (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Spielfilmdebüt der Regisseurin und Drehbuchautorin Kati Thiemer dauert nur circa 66 Minuten. Aber die Independent-Produktion vertieft sich dennoch in ein gewichtiges Thema und überrascht dabei mit gestalterischer Kreativität. Die von Thiemer gespielte Hauptfigur Anna ist eine junge Frau, die alkoholsüchtig durch Berlin irrt. In ihrer Einsamkeit und Verzweiflung gibt ihr dennoch etwas, das sie in ihrem Gedächtnis abgespeichert hat, geistigen Halt. Es sind die Gedichte des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe, die Anna so liebt.

Schon allein diese ungewöhnliche Kombination einer verwahrlost wirkenden Betrunkenen und aus dem Off gesprochenen Versen der deutschen Klassik bricht mit Sehgewohnheiten. Sie regt dazu an, dem ersten Eindruck und dem Denken in Klischees zu misstrauen. Anna ist aus der Bahn geworfen, sie weiß nicht, wie sie als langjähriges Opfer sexuellen Missbrauchs jemals in ein selbstbestimmtes Leben finden soll. Aber Anna ist eben nicht nur versehrt und selbstzerstörerisch, sondern auch von Kunst geprägt. Wenn sie menschenscheu vor der Freundschaft flieht, die Lucy ihr anbietet, begleiten sie die Verse aus dem "Faust": "Es wächst das Glück, dann wird es angefochten. Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran." Nähe ist für Anna stets mit Leid verbunden gewesen.

Thiemer schildert, wie schwierig es für Anna ist, sich von den Menschen zu lösen, die ihr weh getan haben. Eine schöne Passage, in der sie von Daniel, ihrem früheren Freund und Leidensgenossen aus der Zeit im Kinderheim, umsorgt wird, lässt hoffen. Doch der Schein trügt. Die Zerrissenheit der jungen Titelfigur spiegelt sich in der Gestaltung des Films. Mit dem improvisierten Spiel der Darsteller*innen wirkt er spontan und in alle Richtungen offen. Annas Bilder im Kopf drängen unvermittelt zwischen die äußere Handlung, ihre Gefühle färben manche Szenen übertrieben bunt, andere in schwarz-weiß. Oft wirken Szenen abgehackt, aus sich heraus nicht verständlich, die Zuschauer*innen werden zum Mitraten animiert und zum Überbrücken fehlender Erklärungen. Annas Wanderung durch die Dunkelheit ist berührende, verdichtete Filmkost, durchzogen von einer gewissen Leichtigkeit, die einen neuen Morgen ankündigt.

Fazit: Das Spielfilmdebüt der Regisseurin Kati Thiemer wagt sich mit kreativen Ideen an ein schwieriges Thema. In der kurzen Zeit von 66 Filmminuten gelingt es Thiemer, überzeugend und berührend die Entwicklung einer jungen Frau aufzuzeigen, die sich von ihrer traumatischen Vergangenheit als Missbrauchsopfer lösen möchte. Sie weiß nicht, wem sie vertrauen kann und betäubt sich mit Alkohol, während sie aber zugleich auch Trost in den Gedichten Goethes, die sie liebt, findet. Mit improvisiertem Schauspiel, Erinnerungsschnipseln und rätselhaften Schnittfolgen wird die Sprunghaftigkeit der Hauptfigur gespiegelt, aber dem ernsten Thema auch eine atmosphärische Leichtigkeit beigemischt, die für die Hoffnung spricht.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.