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Kritik: Mitra (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Viele Iraner sind nach der Islamischen Revolution unter Ayatollah Khomeini ins Exil geflohen, in ein neues Leben ohne Terror und Verfolgung. Doch das Schreckliche, das ihnen oder ihren Familien widerfuhr, lebt in der Erinnerung weiter. Der im Iran geborene, in den Niederlanden lebende Regisseur Kaweh Modiri greift mit diesem Drama das Schicksal seiner Schwester Mitra auf, die vor seiner Geburt im Iran hingerichtet worden war. Die Geschichte, die er um die Hauptfigur Haleh und ihren Wunsch nach Vergeltung knüpft, ist allerdings fiktional. Sie setzt sich mit der Frage auseinander, wie Menschen mit einer Epoche politischen Unrechts fertig werden, als Opfer mit dem Verrat und der Schuld anderer umgehen sollen.

Eine tragische Schwere lastet auf Haleh und auch auf ihrem wortkargen, zurückgezogen lebenden Bruder Mohsen. Sie sind Überlebende, wobei Mohsen auch wie ein Gestrandeter wirkt. Der Mann gibt seiner selbstbewussten Schwester nicht recht, er kritisiert sie offen, missbilligt ihr Eindringen in Sares Leben, die womöglich Leyla ist. Die Meinungsverschiedenheiten der Geschwister sorgen für Lebhaftigkeit und auch eine gewisse Leichtigkeit, weil sie eine humorvolle Note besitzen. Der Musiker Mohsen Namjoo, der den Bruder bewegend spielt, steuert auch die Filmmusik bei.

Jasmin Tabatabai stellt Haleh als alte Frau in der Gegenwart dar und in Rückblenden als die Mutter, die 1981 in Teheran lebt und ständig um das Leben ihrer Tochter bangt. Wenn sie sie ein-zweimal treffen kann, dann nur ganz kurz, flüchtig, überall können die Häscher des Regimes lauern. Und wenn sie dann kommen, die Wohnung stürmen, offenbart sich die ganze Grausamkeit des Systems. Dabei scheint auch die Frage auf, ob es überhaupt möglich ist, die Schuld für das Leid bei einzelnen Personen zu suchen, die vielleicht selbst Opfer waren.

Tabatabai spielt Haleh sehr überzeugend in ihrer nachdenklichen, von Schmerz erfüllten Schweigsamkeit, auch in der holprigen Art, mit der sie um Haltung kämpft. Im Kontakt mit Sare und ihrer Tochter kommt ihr die eigene Menschlichkeit, ihr freundliches Wesen in die Quere. Haleh und Mohsen legen eine spannende Entwicklung zurück und sorgen für Überraschungen. Die tragische Geschichte, die der Film in oft gedimmtem Licht erzählt, wirkt sehr tiefgründig und spart den Glauben an das Gute nicht aus.

Fazit: In diesem tiefgründigen, bewegenden Drama spielt Jasmin Tabatabai eine Iranerin im Exil, deren Tochter vor fast 40 Jahren vom Regime in Teheran hingerichtet wurde. Als sie in den Niederlanden der Frau begegnet, die ihre Tochter verriet, keimt der Wunsch nach Vergeltung auf. Unter der Regie von Kaweh Modiri nimmt eine fesselnde Geschichte ihren Lauf, in der sich Gegenwartsebene und Rückblenden abwechseln, um zu zeigen, dass Terror und Verfolgung auch Jahrzehnte später ein Leben überschatten können. Tragik und Menschlichkeit prägen das Geschehen, das sowohl nachdenklich, als auch in lebhaften Dialogen aufgeblättert wird.




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