oder
Ghosts
Ghosts
© Antiheld filmverleih

Kritik: Ghosts (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Türkei ist im Wandel, was wohl nirgendwo so sichtbar wird wie in Istanbul. Ganze Altbauviertel werden dem Erdboden gleichgemacht, um Platz für moderne Immobilien zu schaffen, hinter denen sich jedoch eine rückwärtsgewandte Politik verbirgt. So neu der Anstrich auch sein mag, den Recep Tayyip Erdoğans seiner Nation verpasst, darunter verbergen sich steinalte Vorstellungen, die progressive Errungenschaften rückgängig machen und Freiheiten einschränken. Davon erzählt Azra Deniz Okyays Langfilmdebüt, das im vergangenen Jahr bei der internationalen Kritikerwoche der Filmfestspiele von Venedig seine Premiere feierte.

Die 1983 in Istanbul geborene Okyay kommt von der Fotografie und vom Werbefilm, was man ihrem Debüt anmerkt. Wie die Figuren in dieser pulsierenden Metropole ist auch Baris Özbiçers Kamera immer in Bewegung und hat mitunter Schwierigkeiten, alles einzufangen. Cutterin Ayris Alptekin montiert das zu einem nervösen Bilderfluss, der einen beim Zusehen zwar mitreißt, aber auch immer etwas gekünstelt wirkt. Ganz geerdet sind indessen die Probleme, die die Figuren umtreiben.

Okyay erzählt die Geschichte von vier Menschen, drei Frauen und einem Mann, deren Wege sich im Verlauf eines verhängnisvollen Tages mehrfach kreuzen. Dabei bricht sie die Chronologie auf und zeigt ein und dieselbe Szene wiederholt aus verschiedenen Perspektiven. Mit dem Handy im Hochformat gefilmte Videos markieren die Übergänge von einer Figur zu anderen. Während die drei Frauen, obwohl sie für ganz unterschiedliche Dinge kämpfen, jede für sich für eine moderne und offene Türkei stehen, verkörpert der Mann in seinem Denken und Handeln ihre repressiven und diskriminierenden Elemente.

All dem übergeordnet ist eine große Metapher. "Der Stromausfall ist die Hauptmetapher des Films und er steht für die aktuelle soziopolitische Lage der Türkei", sagt die Regisseurin in einem Interview über ihren Film. Nach und nach gehen die Lichter aus. Ein Land versinkt sehenden Auges in der Dunkelheit. Doch die drei Frauenfiguren wehren sich mit Händen und Füßen dagegen. Und so lange es junge Kreative gibt wie Azra Deniz Okyay, die in ihren Filmen davon erzählen kann, ist der Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft noch nicht erloschen.

Fazit: Der Episodenfilm "Ghosts" versammelt die Geschichten von vier Menschen, deren Wege sich im Verlauf eines ereignisreichen Tags in Istanbul mehrfach kreuzen. Langfilmdebütantin Azra Deniz Okyay erzählt von großen Träumen und alltäglichen Problemen, von Gentrifizierung, Bereicherung, schwindenden Freiheiten und einem schleichenden Rechtsruck. Ein Film über den rasanten Wandel der Türkei, so vibrierend erzählt wie das Leben in der Metropole, in der er spielt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.