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Kritik: Endlich Tacheles (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Jana Matthes und Andrea Schramm machten schon Filme, da war Yaar gerade erst geboren. Dieser Altersunterschied macht sich auch in ihrem Film bemerkbar. Die Regisseurinnen, ihr 21-jähriger Protagonist und dessen gleichaltriger Bekanntenkreis gehen das Thema Holocaust so verschieden an, dass Matthes und Schramm irgendwann ihre reine Beobachterposition verlassen und kritisch nachfragen, woraus sich ein hitziger Wortwechsel ergibt. Dieser kurze Moment enthält den gesamten Film in nuce: Er zeigt eine Generation von Nachgeborenen, die so weit weg vom Holocaust ist, dass sie Gefahr läuft, die Vergangenheit zu verklären, ohne sich dessen bewusst zu sein. Der Film zeigt aber auch, wie sich diese Einstellung ändern kann.

Dass die dritte Generation aufseiten der Opfer und Täter, mal jede für sich, mal gemeinsam im Dialog, mit der Erinnerungskultur ringt, haben schon andere Dokumentarfilme wie etwa "Back to the Fatherland" (2017), "Lebenszeichen" (2018) oder "Germans and Jews" (2016/2020) gezeigt. So blauäugig wie die Protagonisten dieses Films haben das Thema aber noch keine angepackt. In der Welt von Yaar und dessen Kommilitonen Marcel dreht sich alles um fantastisch angehauchte fiktionale Erzählräume. Ihre Referenzpunkte sind nicht etwa Primo Levis "Ist das ein Mensch?" oder Claude Lanzmanns "Shoah", sondern "Herr der Ringe", "Star Wars" und Computerspiele. Dass der Holocaust allerdings kein Ereignis ist, das sich ohne Weiteres am Rechner nachspielen lässt, müssen Yaar erst seine Eltern, vor allem sein Vater Ilei vor Augen führen.

Die Begegnungen zwischen Vater und Sohn – egal ob beim gemeinsamen Training im Boxring oder an den Orten der Vergangenheit – zählen zu den stärksten Momenten dieses Films. Es sind tränenreiche und erkenntnisreiche Momente, die auch das Kinopublikum zu Tränen rühren. Yaar und Ilei tragen einen Konflikt aus, mal symbolisch mit den Fäusten, zuvörderst aber mit klugen Worten, der eine Generation übersprungen hat. Ein Muster, das sich in vielen Familien von Holocaust-Überlebenden findet. Nicht selbstverständlich ist hingegen, wie diese Gespräche und gemeinsamen Reisen Vater und Sohn einander näherbringen und bei Yaar zu einem anderen Verständnis für die Geschichte und die eigene Familiengeschichte führen.

Yaar und sein Ringen mit dem eigenen Erbe und der Erinnerungskultur stehen im Zentrum dieses Films. Eine Problematik, die lediglich am Rand gestreift wird, muss aber ebenso dringend in den Blick genommen werden: Wie leicht es sich die dritte und vierte Generation aufseiten der Täter mitunter macht und wie falsch sie damit liegt. Die eingangs beschriebene Szene handelt davon. Und es war gut, dass die Regisseurinnen interveniert haben. Denn das Gequatsche von "guten Nazis" oder schlimmer noch davon, dass die eigenen Vorfahren keine Nazis, sondern Deutsche gewesen seien, die von "den Nazis" zu etwas gezwungen wurden, ist brandgefährlich. Es zeugt nicht von der Aufgeschlossenheit, Weltoffenheit und (Selbst-)Reflexion, die große Teile dieser Generation so selbstverliebt vor sich hertragen, sondern von Engstirnigkeit, Verdrängung und (Selbst-)Verleugnung.

Fazit: "Endlich Tacheles" zeigt, dass der Holocaust auch die dritte Generation der Überlebenden nicht loslässt und dass das Erinnern und Gedenken uns alle angeht. Ein bewegender Dokumentarfilm, der vor allem all jenen ans Herz gelegt sei, die sich in puncto Vergangenheitsbewältigung für aufgeklärt und abgeklärt halten.




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