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Sie waren mal Stars!
Sie waren mal Stars!
© Unfiltered Artists

Kritik: Sie waren mal Stars! (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Eins muss man Malte Wirtz lassen, er produziert nicht nur Filme wie am Fließband, er probiert inzwischen auch mit jedem Film etwas Neues aus. Der 1979 geborene Regisseur hat schon einen Film realisiert, der innerhalb von nur 24 Stunden im Kasten war ("Nur ein Tag in Berlin"), einen, der in einer einzigen Einstellung gedreht wurde ("Lichter der Stadt") und einen, der ganz ohne gesprochene Dialoge auskommt ("Geschlechterkrise"). Nun also eine Mockumentary ...

Das Positive vorab: Das Format des fiktionalen Dokumentarfilms kommt Wirtz' Inszenierungsstil entgegen. Denn dessen Filme sind in der Regel so kostengünstig produziert, dass sie visuell sowieso äußerst dokumentarisch anmuten. Optisch nimmt man "Sie waren mal Stars!" den vorgetäuschten Dokumentarismus also mühelos ab. Den darin gezeigten Figuren allerdings nicht, was zum einen an den Schauspielern und zum anderen am schlecht geschriebenen Drehbuch liegt (sofern überhaupt eins vorlag und nicht durchweg improvisiert wurde).

Mockumentarys können auf ganz unterschiedliche Arten glücken. Sie können das Publikum bis zum Schluss im Zweifel darüber halten, ob das Gezeigte tatsächlich echt oder erfunden ist, wie das beim "Blair Witch Project" (1999) für viele Zusehenden der Fall war. Sie können die Mechanismen einer ganzen Branche auf die Schippe nehmen, wie das etwa "The Rutles: All You Need Is Cash" (1978) oder "Die Jungs von Spinal Tap" (1984) mit der Musikbranche angestellt haben. Sie können Verschwörungstheorien ad absurdum führen, was in "Kubrick, Nixon und der Mann im Mond" (2002) zu bestaunen war. Oder sie können gleich eine ganze Nation auf die Couch legen, wie es der Komiker Sacha Baron Cohen und seine Kunstfigur Borat in "Borat: Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen" getan haben. Von puren Kunstwerken, die Zeitgeschichte, Psychologie und Medienkritik süffisant zusammenführen, wie Woody Allens "Zelig" (1983) ganz zu schweigen. In der Regel legen geglückte Mockumentarys ganz nebenbei auch noch die Funktionsweisen eines Dokumentarfilms offen. Malte Wirtz' "Sie waren mal Stars!" schafft davon nur wenig und selbst das nur ansatzweise.

Wie so oft bei Wirtz liest sich auch dieser Film auf dem Papier besser, als der fertige Film letztlich geworden ist. Die Prämisse, zwei Schauspieler, die sich selbst für Stars halten, die aber keiner kennt, auf ein Nachwuchs-Filmfestival loszulassen, klingt vielversprechend, lässt sie doch auf ein Gag-Feuerwerk oder zumindest auf ausreichend Fremdscham-Momente à la "Borat" hoffen. Doch David Kramer und Holger Bülow sind leider kein Sacha Baron Cohen, ja sie sind nicht einmal ein Helge Scheider, will heißen: Improvisieren ist nicht so ihr Ding, wodurch in den meisten Szenen ziemlich schnell die Luft raus ist. Schlimmer noch: Weil die zwei jederzeit als Schauspieler (die Schauspieler spielen) erkennbar sind, geht auch das Mockumentary-Setting nie richtig auf.

Fazit: "Sie waren mal Stars!" ist ein fiktiver Dokumentarfilm, dessen Ausgangsidee um Längen besser ist als dessen Umsetzung. Dieser Mockumentary fehlt es an Biss, Witz und an Improvisationstalent.




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