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Lobster Soup - Das entspannteste Café der Welt
Lobster Soup - Das entspannteste Café der Welt
© 24 Bilder © Nameless Media

Kritik: Lobster Soup - Das entspannteste Café der Welt (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In Grindavík hat sich immer alles nur um die Fischerei gedreht, wissen die alten Bewohner. So sind auch im Café Bryggjan auf einer Tafel die Namen der Kapitäne mit dem größten Jahresfang aufgelistet, bis 1984. Dann machte ein Quotensystem den traditionellen, gefahrvollen Wettbewerb der Fischer zunichte. Dieses Café, welches Musik- und Chronikabende veranstaltet, wurde selbstverständlich für Fischer gegründet, von Männern, die eine Werkstatt für Fischernetze betreiben. Zu den alten Stammgästen, die sich dort aufwärmen und die zwanglose Gemeinschaft genießen, gesellen sich auch immer häufiger Touristen. Sie bestellen dann gerne das Fischerfrühstück oder die Hummersuppe. Der Dokumentarfilm von Pepe Andreu und Rafael Molés schaut und hört sich an diesem gemütlichen Ort um.

In die entspannte, entschleunigte Stimmung, die im Café herrscht, mischt der Film auch ein paar Tropfen Wehmut. Denn dieser schöne Zufluchtsort an der windigen Küste Islands ist mittlerweile Geschichte. Die in die Jahre gekommen Betreiber verkaufen ihn am Ende des Films. Indem er sich in die Atmosphäre des Cafés vertieft, regt der Film auch zum Nachdenken über die Zeitlichkeit an. Wie so viele legendäre Lokale ist auch das Café Bryggjan das Produkt und der Ausdruck einer Epoche und nicht für die Ewigkeit bestimmt. Als es verkauft ist, sitzt der ehemalige Stammgast, der einst Boxer war, in einem Altenheim. Die Filmemacher lassen den Besitzer Alli und andere aus dem Off erzählen und lauschen den beiläufigen Unterhaltungen im Lokal. Wenn es die Musik- und die Chronikabende gibt, sind alle Plätze besetzt. Ab und zu nimmt die Kamera auch weibliche Gäste ins Visier.

Die Erzählenden aber sind die männlichen Senioren. Einige von ihnen lieben es, zu dichten und zu singen. Während sie sich hier austauschen und der Film sie näher porträtiert, erhält der ganze Ort allmählich ein Gesicht. Dazu tragen auch alte Aufnahmen und Visiten in einzelnen Wohnungen bei. Die urige Einrichtung des Cafés mit den gerahmten Fotos an den Wänden, dem Bücherregal und Klavier strahlt eine gemütliche Wärme aus. Damit kontrastieren die Außenaufnahmen des schmucklosen Baus und der Straßen, über die der Wind einen Schleier aus Schnee legt. So bekommt dieser filmische Cafébesuch eine sinnliche Kraft, die ihn zum Vergnügen macht.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Pepe Andreu und Rafael Molés hört sich im isländischen Café Bryggjan die Geschichten seiner betagten Betreiber und Stammgäste an. Der Treffpunkt der Fischer im schmucklosen Städtchen Grindavík hat sich mit Musik- und Chronikabenden zum geschätzten kulturellen Ort entwickelt. In die gemütliche, von Erinnerungen erfüllte Atmosphäre mischt sich Wehmut, denn das Café ist nach vielen Jahrzehnten zum Verkauf bestimmt. Es gelingt dem unterhaltsamen Film, das Publikum auf sinnliche Weise an diesen Ort der Entschleunigung und der isländischen Lebensart mitzunehmen.




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