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Kritik: First Cow (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die US-Regisseurin und -Drehbuchautorin Kelly Reichardt zählt gewiss zu den feinsinnigsten Filmschaffenden unserer Zeit. Immer wieder gelingt es ihr auf beeindruckende Weise, mit einem Minimum an Mitteln ein Maximum an Wirkung zu erzielen. So schilderte sie etwa in dem ergreifenden Indiefilm "Wendy and Lucy" (2008) die Situation einer obdachlosen jungen Frau, verkörpert von Michelle Williams, mit der Reichardt seither noch mehrere Male gedreht hat – u.a. den ungewöhnlichen Western "Auf dem Weg nach Oregon" (2010). Mit ihrer neuesten Arbeit "First Cow" konnte die Filmemacherin 2020 im Wettbewerb der Berlinale überzeugen.

Auf Basis des Romans "The Half-Life" von Jonathan Raymond erzählt Reichardt von dem Koch Otis und dem chinesischen Einwanderer King-Lu, zwischen denen sich im Oregon der 1820er Jahre eine Freundschaft entwickelt. Wie schon in "Auf dem Weg nach Oregon" legt Reichardt den Fokus auch hier nicht auf die üblichen Standardsituationen eines Western-Abenteuers, sondern blickt auf Figuren, die vom Mainstream zumeist übersehen werden. Die beiden Protagonisten wirken in der grobschlächtigen Männerwelt wie Fremdkörper; sie setzen nicht ihre Fäuste, sondern ihren Verstand und ihre Fähigkeiten ein – und sind in der Lage, Gefühle zu zeigen. "First Cow" ist eine schöne und sehr gewitzte Geschichte über Solidarität. Die ruhigen Aufnahmen sind ein herrlicher Kontrast zum lärmenden Event-Kino. Es gibt Milch und Kekse statt Mord und Krawall – und einfühlsame, nächtliche Gespräche über Zukunftsträume statt Duelle in der Sonne.

Die historischen Kostüme muten bei Reichardt nie wie Kostüme, sondern schlichtweg wie normale Kleidung an. Und auch die Figuren haben nichts Künstliches an sich. Die beiden Hauptdarsteller John Magaro und Orion Lee harmonieren ganz wunderbar miteinander. Hinzu kommen Charakterköpfe wie Ewen Bremner ("Trainspotting") und Toby Jones ("Berberian Sound Studio") sowie einige bekannte Gesichter aus dem Reichardt-Kosmos – etwa René Auberjonois und Lily Gladstone, die beide bereits in "Certain Women" (2016) zu sehen waren.

Fazit: Ein grundsympathischer Indie-Mix aus Western und Buddy-Film, der auf kluge und unaufgeregte Weise von Freundschaft und Hilfsbereitschaft erzählt.




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