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FBW-Bewertung: Eine Million Minuten (2023)

Prädikat wertvoll

Jurybegründung: Christopher Dolls Regiedebüt EINE MILLION MINUTEN nach dem 2016 erschienen, gleichnamigen autobiografischen Roman von Wolf Küper ist am Puls der Zeit: Er lässt die beiden Protagonisten Karoline Herfurth und Tom Schilling als Ehepaar mit zwei Kindern die Frage nach der Verteilung und Anerkennung von Haus- und Erziehungsarbeit sowie der Frage nach einer gelungenen Work-Life-Balance diskutieren und durchspielen.

Dass der Film hierbei nicht die Form eines harten Sozialdramas wählt, sondern der Vorlage folgend eine Art ?Feel-Good-Movie? ist, macht ihn publikumswirksam. Dazu trägt auch bei, dass er durch die Schauplätze Thailand und Island die Sehnsucht nach Traumlandschaften bedient, und ein traditionelles, heteronormatives Familienmodell gewählt hat.

Kritisch sah die Jury den Widerspruch zwischen dem Umweltengagement des Ehemannes Wolf als Biodiversitätskämpfer auf UN-Ebene und dem bedenkenlosen und nie in Frage gestellten globalen Herumjetten. Oder das Durchspielen des Ausbalancierens von Beruf und Privatleben anhand einer Familie, die sich ? bei allem ?remoten Arbeiten? ? letztlich eine zweijährige Auszeit finanziell leisten kann, wodurch der Film ausschließlich ein ökonomisch privilegiertes Milieu zeigt.

Wirklich gelungen erschienen der Jury die klaren, dabei sehr natürlichen, auch harten Auseinandersetzungen des Paares im Film, die den Zuschauer packen und Harmlosigkeit verhindern. Dies ist natürlich auch der hervorragenden Besetzung mit Karoline Herfurth und Tom Schilling geschuldet und den Dialogen, verfasst vom fünfköpfigen Autorenteam.

Die Jury kam daher zum Ergebnis: Wenn ein Film klug die richtigen Fragen stellt, darf er sie auch schön und unterhaltsam verpacken. Und wenn ein Film die richtigen Gedanken zu Emanzipation, Gleichberechtigung in der Beziehung, zum Selbstwertgefühl durch Arbeit, zu der notwendigen Zuwendung für Kinder durchspielt, darf er auch manchmal sentimental sein, wozu auch die stellenweise suggestiv platzierte Musik beiträgt.

Besonders gelungen sind für die Jury die Szenen, in denen auf allzu klassische Suggestion verzichtet wird, wie die überraschende Feuerwehrfahrt der Tochter Nina, die durch Pola Friedrichs wunderbar natürlich und glaubwürdig gespielt wird. Die Nebenrollen wiederum erweitern klug das Themenfeld: Durch Wolfs Vater (Joachim Król), der die klassische Leistungs- und Prestigegesellschaft verkörpert und die emotionale Sprachlosigkeit gegenüber seinem Sohn erkennen muss. Oder durch einen Rollstuhlfahrer, der durch sein Handicap eine andere Weltsicht einbringen kann.

Auch die Kameraarbeit und Bildgestaltung (Andreas Berger) verschaffen diesem Film gerade in einzelnen Einstellungen belebenden Abwechslungsreichtum, wo es oftmals in vielen Filmen nur Standardeinstellungen gibt.

Das Ende des Films wurde von der Jury diskutiert und letztendlich lobend besprochen. Denn der Film führt seine aufgeworfenen Themen zu keinem klassischen Ende und geht zu einem weiteren Aufbruch ? jetzt im Wohnmobil ? über.
In Abwägung aller Argumente erteilt die Jury dem Film EINE MILLION MINUTEN gerne das Prädikat WERTVOLL.



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