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Kritik: Ben X (2007)


Im Jahr 2002 veröffentlichte der belgische Autor, Moderator, Film- und Kulturjournalist Nic Balthazar , den Roman "Nichts war alles was er sagte", inspiriert von dem wahren Fall eines Jugendlichen, der, unter einer leichten Form des Autismus leidend, von seinen Mitschülern virtuell gemobbt und in den Tod getrieben wurde.
Kurze Zeit später adaptierte er den Roman für die Bühne – nahezu 250 Mal wurde das Stück aufgeführt und kaum war der letzte Vorhang gefallen, wurde eine Verfilmung des Stoffs in Angriff genommen, bei der auch einige der Bühnendarsteller wieder zum Einsatz kommen sollten. Allein für die Hauptrollen Ben und "Scarlite" wurden mit Greg Timmermans und Laura Verlinden zwei Newcomer gecastet – denen man ihre mangelnde Erfahrung allerdings keine Sekunde anmerkt.
Für das Drehbuch zeichnet Balthazar ebenso verantwortlich wie (erstmalig) für die Inszenierung, die Realfilm mit einigen in einem Onlinespiel gedrehten Szenen verknüpft. An den belgischen Kinokassen avancierte "Ben X" zu einem der erfolgreichsten flämischen Filme der vergangenen Jahre, zudem wurde er mehrfach auf Festivals ausgezeichnet – und dies hat er sicherlich auch zu einem nicht unerheblichen Teil dem Script zu verdanken.

Autismus ist eine Krankheit, die einem im Film fast häufiger begegnet als im wahren Leben. Das Interesse der Filmemacher ziehen dabei aber vor allem so genannte "autistische Savants" auf sich, Autisten also mit faszinierenden, schier übermenschlichen Inselbegabungen – mathematische Genies oder überragende Gedächtniskünstler, für die soziale Interaktion ein unüberwindbares Hindernis ist. Beispielhaft für den filmischen Umgang mit Autisten ist der 1988 entstandene "Rainman": Wie in jenem Oscarprämierten Drama mit Dustin Hoffman als Autist und Gedächtnisgenie werden die Inselbegabten im Film zumeist bestaunt, sie sind Freaks, faszinierende Außenseiter, deren Realität und Erlebniswelt den Zuschauern im allgemeinen fremd bleibt.
Nicht so in "Ben X": Weite Strecken des Films präsentiert Balthazar aus der Sicht seiner Hauptfigur, dem unter dem Asperger Syndrom leidenden Ben. Das hat unter anderem den schönen Effekt, dass die Krankheit, die für Ben ja "normal" ist, nicht allzu sehr im Mittelpunkt steht, sondern nur den Hintergrund bildet für die eigentliche Story um Pubertätsprobleme, Mobbing in der Schule und Flucht in virtuelle oder Traumwelten.

Inszenatorisch nicht weiter gekennzeichnete Wechsel zwischen der Außen-, und der, Realität und Fantasie vermengenden, Innenansicht Bens bieten in ¾ des Film einen umfassenden Überblick über das Geschehen und die innere Verfassung der Hauptfigur – sind dann aber Teil eines Täuschungsmanövers: Während der Zuschauer sich noch umfassend informiert und mindestens auf der gleichen Wissensstufe wie Ben wähnt, werden ihm im letzten Viertel des Films doch grundlegende Informationen vorenthalten. Dies führt schließlich gleich zu mehreren Überraschungsmomenten und einem Ende, das sich positiver darstellt als man erwarten möchte.

Fazit: Empfehlenswerter Film, der eine ganze Reihe wichtiger Jugendthemen anspricht und sich sicherlich recht gut für einen Kinobesuch mit Schulklasse eignet.




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