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Kritik: Drag Me to Hell (2008)


Ein paar Jährchen ist´s schon her, dass sich Sam Raimi mit dem Horror-Genre so richtig befasste. Zuletzt machte der Regisseur, der für die Kultschocker der "Tanz der Teufel"-Serie verantwortlich war, mit der "Spiderman"-Trilogie auf sich aufmerksam. Das hatte zwar mit Horror im eigentlichen Sinne nicht viel gemeinsam, wurde aber von Film zu Film irgendwie immer gruseliger. Mit "Drag me to Hell" kehrt nun der Meister des absurden Horrors (ganz ohne Komik kamen seine Streifen noch nie aus) zu seinem ursprüngliches Fach zurück und will zeigen, dass er es immer noch kann. Christine Brown (Alison Lohman) ist jung, attraktiv und hat einen recht guten Job in einer Bank. Natürlich gibt es immer noch einen besseren Job oder besser gesagt: Position. Und tatsächlich ist gerade die Stelle des stellvertretenden Filialleiters zu besetzen. Christine sieht sich insgeheim bereits auf diesem Stuhl Platz nehmen, wäre da nicht ein wenig geliebter Mitkonkurrent: Ein neuer Kollege, der erst seit wenigen Monaten in der Bank arbeitet, aber schon einen guten Draht zu Christines Chef (David Paymer) hat. Ein echter Stiefellecker und A…kriecher (ihr wisst schon), dem kein Mittel zu hinterlistig ist, um Christine auszustechen. Da trifft es sich gut, dass Christine eine Chance bekommt, zu beweisen, dass sie harte Entscheidungen treffen kann. Ihr Chef hält sie eigentlich für zu weich; nun kann sie ihn vom Gegenteil überzeugen. Sie braucht nur der alten Zigeunerin Mrs. Ganush (Lorna Raver) die Kreditverlängerung nicht zu gewähren, mit der Konsequenz, dass diese ihr Haus verliert. Eine einzige egoistische Tat im Leben, und schon bricht für das Saubermädel die Hölle auf Erden los. Der Fluch der verbitterten alten Frau ist eine direkte Fahrkarte in die Unterwelt. Wenn man sich als Fan in den Kinosaal begibt, um einen "klassischen" Raimi zu sehen, dann sind die Erwartungen groß. So bleiben ein paar Irritationen zu Beginn nicht aus: legt der Film schon in den ersten Minuten mit viel trashigem Höllenspektakel los, dass für die folgende Zeit Übles erwarten lässt. Doch es fängt sich. Warum nun ausgerechnet die Vorgeschichte, des "bösen Fluchs des Fahrenden Volkes", derart plump-plakativ erzählt wird, braucht man nicht verstehen. Vielleicht ein kommerzieller Kniff, die Verirrten, denen der Name Raimi wenig sagt und die ohne spektakulösen Einstieg nach fünf Minuten ohne Auftritt eines Gehörnten mit Spaltfuß und Höllenspieß, aus Langeweile mit Popcorn schmeißen würden? Sei es drum. Nach dieser unnötigen Sequenz entwickelt sich das Ganze dennoch zu einem ansehnlichen Spaß. In aller Ruhe wird die liebenswürdige Hauptfigur skizziert: Typ sympathische junge Frau mit bodenständigen Träumen, die eigentlich niemandem Leid zufügen möchte. Ihr Freund ist in jungen Jahren bereits Dozent an einer Universität und stammt aus einer stinkreichen Familie, was einiges an Dysbalance in die Beziehung bringt. Aus diesem bieder-normalen Plot gebiert Raimi seinen monströs-absurden Horror, der sich selbst und das Genre nicht eben ernst nimmt. Abgesehen von dem neumodernen Subgenre des Folter-Horrors und der so genannten Slasher-Movies (die man alle guten Gewissens nicht mögen muss) gibt es wenig "ernsthafte" Horrorfilme. Dem Genre haftet oft eine (unfreiwillige) Infantilität und Komik an (mea culpa an die Fans, aber Teufel und Dämonen sind dem säkularen Cineasten mehr Comic als Grusel). Und Sam Raimi ist sich dessen voll bewusst. Ganz ernst wollen seine Horror-Streifen alle nicht verstanden werden, und die Leichtigkeit mit der er seinen makaber-abseitigen Witz aus der Normalität entwickelt, macht seine Filme eben zum Kult. "Drag me to Hell" steht ganz in dieser Tradition und quillt regelrecht vor Lachsalven-produzierendem Gruselspektakel nur so über. Zartbesaiteten kann dies bereits zuviel sein, insbesondere da der Widerlichkeitsfaktor bei diesem Streifen leidlich hoch liegt. Für manch eingefleischten Fan hingegen mag der Film anderseits des Klamauks zuviel beinhalten. Vieles erinnert eindeutig an die "Tanz der Teufel"-Filme: wahnwitzig-surreale Fights zwischen der Protagonistin und der Zigeunerin sind aber letzten Endes nicht mehr, als Plagiate der Kämpfe zwischen Bruce Campbell und manch einer "bösen Hexe". Die Kopie kommt natürlich nicht ganz an das Original heran, doch dämonisches Vergnügen ist allemal garantiert. An einigen Stellen wird der Film leider dann etwas schematisch oder bedient sich zu offensichtlich bekannter Motive: Der Seher (Dileep Rao), welcher der dämonisch heimgesuchten Christine hilft, erinnert schon etwas an "Der Exorzist" und ein paar "Poltergeist"-Elemente vermag man auch zu erkennen. Im Großen-Ganzen aber, ist es ein recht eigenständiges Werk und kultverdächtig ist sicherlich das Dinner bei den Eltern von Christines Freund: einer üblen Karikatur einer upper-class-Familie; da fällt es gelegentlich schwer, zwischen dämonischen und gesellschaftlichen Horror zu unterscheiden. Fazit: Sam Raimi ist zurück und liefert sicherlich nicht das Glanzstück seines Schaffens ab, präsentiert aber einen Film, der seine unnachahmliche Handschrift trägt und eine gut inszenierter Horror-Spaß ist. Für zwischendurch, guten Gewissens zu empfehlen, macht der Streifen Lust auf mehr. Und es bleibt nur zu hoffen, dass Raimi noch etwas in diesem Genre nachlegt. Demnächst steht aber erstmal Teil vier und fünf der Netzschwinger-Saga ins Haus.




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