VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: White Lies (1996)


"Das Tolle an diesen Bildern ist, daß sie von jeder Bedeutung befreit sind", schwatzt der junge Leon Turner (Larry Gilliard Jr.) Sonntags im Guggenheim-Museum vor Bildern irgendwelcher russischer Konstruktivisten. Die Standardphrasen nahm der schwarze Museumswärter von Kunstkritikern auf, um in der Freizeit mit den inhaltsschweren Sprüchen Frauen anzubaggern. Bei Mimi (Julie Warner) hat er Erfolg. Die Galeristin glaubt ihm sogar unbesehen, daß er ein begabter junger Maler ist. So nimmt die Komödienüberraschung des Frühjahrs ihren Lauf, und die ersten (Film-)Bilder des jungen Regisseurs Ken Selden strotzen nur so vor witzigen, klugen und gemeinen Bedeutungen.
Der frische Bluff mit der Kunstszene - die sich selbst als ein einziger großer Bluff erweisen wird - startet: Der gewitzte Leon handelt einer Fixerin (Roseanna Arquette malte schon in "New York Stories") ein paar Selbstporträts ab und signiert sie mit seinem Namen. Die zum Verkauf von "Minderheiten-Kunst" notwendige Thematik "kultureller Dominanz" ist schnell hineininterpretiert. Denn die Szene ist scharf auf "schwarze Kunst" und seit Jean Michel Basquiat gab es nichts mehr zu verkaufen. Wichtiger als Inhalte sind dabei "Posing" und "Name Dropping" auf Ausstellungseröffnungen: Den neuesten Roman nicht gelesen, aber auf den Lippen haben. Einen Spruch nicht verstehen, aber überzeugend damit Eindruck schinden - die anderen werden ihn sicher auch nicht verstehen. Nicht Kleider machen Leute, in der Kunstszene machen die richtigen Sprüche den Unterschied aus. (Da hat sich seit den Zeiten von "Ridicule" nicht viel geändert!) Leon ist ein netter Gauner, immerhin stellt er mit seiner respektlosen Art die schleimige Kunstmafia bloß (siehe Katharina &Witt). Etwas zu spät merken der unschuldige Betrüger und die naive Kunstschnepfe Mimi, daß sie mehr als nur ein Geschäft voneinander wollen. Doch die neue Galerie ist renoviert, der Ausstellungstermin steht, alles wartet auf den "Spike (Lee) with a brush"...
Das ganze Wachsen und Blähen eines großen Bluffs läuft humorvoll und mit reichhaltig Überraschungen ab. Leons Papagei (Rolo-)Dex kräht am Morgen, flattert als Scherzvogel durch die Geschichte und verkörpert Leons Erfolgsrezept: Zuhören und im richtigen Moment wiederholen.
"White Lies" spielt nicht nur in und mit der Kunstszene New Yorks (deutliche Hinweise in Richtung Basquiat und das Warhol-Zitat vom dauernden Aufnehmen per Tonband). Auch die Annäherung von Schwarz (Leon) und Weiß (Mimi), die in Filmen oft märchenhaft einfach erfolgt, bringt einige Hindernisse mit sich. Die Figuren sind vielfarbig und sympathisch menschlich. Harvey Fierstein ("Das Kuckucksei") liefert eine exzellente Kurzrolle als exzentrischer Kunsthändler Art Hoarder. Selbst Mimis gemeiner Lebenspartner, der Kunstkritiker Richard (Terry Kinney), hat seine netten Seiten und verscheucht ein paar Penner, indem er Wordsworth-Lyrik zitiert. Hinter diesem jungen und frischen Projekt steht der erfahrene Produzent Arthur Cohen, ein Weltbürger, der immerhin schon fünf Oscars erhielt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.