VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Der Barbier von Sibirien
Der Barbier von Sibirien
© Arthaus

Kritik: Der Barbier von Sibirien (1998)


Schon vor über einem Jahr war der neueste Film Nikita Michalkow für die hiesige Kinoauswertung vorgesehen. Damals befand der Verleih den Film allerdings für zu lang und bat den Regisseur um Kürzungen für den deutschen Markt. Vor allem die überlangen Militärpassagen sollten gestrafft werden. Im Laufe des Jahres nahm sich der russische Regisseur sein Epos noch einmal vor. Die Kürzungen, die er dann aber vorsah, fielen derart unbefriedigend aus und betrafen eher die Liebesgeschichte, als die Jubelarien aufs Militär, dass der Film nun doch in seiner ursprünglichen Form ins Kino kommt. Einen Gefallen hat er damit allerdings niemand getan. "Der Barbier von Sibirien" ist ein sperriger und holpriger Film, dem es an Erzählfluss mangelt und dessen zentrale Liebesgeschichte merkwürdig kalt lässt. Wir befinden uns im zaristischen Russland gegen Ende des 19. Jahthunderts. Der amerikanische Erfinder McKracken hat eine dampfbetriebene Abholzungsmaschine erfunden, die sich prächtig zur Holzgewinnung in Sibirien einsetzen ließe. Um den zaristischen Machthabern in Moskau dies schmackhaft zu machen, wie auch zur Finanzierung seiner Erfindung, engagiert er die auf diplomatischem Parkett bewanderte Amerikanerin Jane Callahan. Die junge Dame aus der Neuen Welt läßt am Zarenhof ihren weiblichen Charme spielen und umgarnt den einflussreichen General Radlov. Bald jedoch konzentriert sich ihr erotisches Interesse auf den Offiziersanwärter Andrej Tolstoi. Die Amerikanerin verliebt sich leidenschaftlich in den jungen Russen. Argwöhnisch beäugt General Radlov seinen Nebenbuhler. Einige Zeit kann die schwelende Eifersucht im Zaun gehalten werden. Doch eines Tages platzt Tolstoi der Kragen, und er greift den General an. Der in seiner Ehre gekränkte Militär rächt sich fürchterlich. Tolstoi wird nach Sibirien verbannt. Janes Versuche, mit ihm Kontakt aufzunehmen scheitern. Erst Jahre später, als der "Barbier von Sibirien", wie die Rodungsmaschine nun genannt wird, längst im Einsatz ist und die Wälder dezimiert, gelingt es Jane, ihren früheren Geliebten in der Einöde Sibiriens aufzusuchen... Unübersehbar hatte Michalkow den ganz großen Wurf im Sinn. Und ebenso klar ist, wer bzw. was hier Pate stehen sollte: David Leans "Dr. Schiwago" nämlich. Doch die Formel: westlicher Sturm und Drang in weiblicher Form trifft auf die russische Seele in männlicher Form und daraus entstehen archetypisch große Gefühle, geht leider nicht auf. Vor allem liegt das daran, dass die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern einfach nicht stimmt. Somit bleibt die Liebesgeschichte unglaubwŸrdig und leblos. Gerade Julia Ormond agiert arg schematisch und hölzern. Was dem Film darüber hinaus fehlt, ist jedes Gespür für Timing. Ausgerechnet die erste Stunde ist unglaublich zäh und langatmig mit ihren endlosen Sequenzen von militärischem Pomp. Aber auch im späteren Verlauf des Films sind die albernen Einlagen, in denen der Militärapparat des zaristischen Russland als gemütlicher Haufen glorifiziert wird, höchst ärgerlich. Zu erklären ist dies eigentlich nur so, dass Michalkow zur Zeit der Entstehung des Film sich selbst als Präsident und Nachfolger von Jelzin ins Gespräch bringen wollte und meinte, sich mit sülziger Geschichtsklitterung beim Wahlvolk anbiedern zu müssen. Peinlich, peinlich.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.