VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Zornige Küsse (2000)


"Allein unter Frauen" könnte der Debütspielfilm der Schweizerin Judith Kennel auch im Untertitel heißen, allerdings handelt es sich bei "Zornige Küsse" - ein toller Titel, sei nebenbei angemerkt - um alles Andere als eine Komödie, sondern um ein bewegendes und überraschendes Drama.

Lea, ein Problemkind, wird aus Hilflosigkeit von ihrer Mutter in ein klösterliches Internat gesteckt. Das Mädchen hat nur eins im Sinn: Wieder von dort wegzukommen. Zusammen mit ihrer Mitschülerin Katrin, die sich in Lea verliebt, schmiedet sie den Plan, den Pfarrer zu verführen, um ihn dann des sexuellen Missbrauchs anklagen zu können, um so von der Schule zu kommen. Doch der Plan gerät außer Kontrolle.

Judith Kennel vermeidet bei ihrem Film jede Überdramatisierung, Effekthascherei oder spekulative Szenen. Das Internat wird nicht dämonisiert, die Nonnen nicht zu Bösewichtern in Tracht verzeichnet. Die Kamera wahrt einen unterkühlten Beobachterblick, der oft Abstand zu den Figuren hält - so kühl wie die verschneite Kulisse der Schweizer Berge. Dabei ist das Erzähltempo erstaunlich hoch, die Exposition nimmt nicht viel Zeit in Anspruch und lässt zunächst einen Kurs in Richtung Kloster-Thriller vermuten.

Eine angenehme Überraschung ist die Besetzung des Pfarrers, der neben Lea entscheidenden Figur, mit Jürgen Vogel. Das Gewicht, das der Figur auch moralisch zukommt, kann Vogel ihr mit einer ernsten- er lächelt kein einziges Mal während des gesamten Films - und konzentrierten Darstellung verleihen. Wie die Mädchenfiguren bleibt auch er trotz sparsamer Dialoge eine glaubhafte Figur, mit der man nicht erst zum Schluss Mitleid hat. Dabei mag man sich fragen, ob sich der vernünftige und distanzierte Pfarrer von einem pubertierenden Mädchen tatsächlich so schnell verführen lassen musste, aber der aufgebrochene Konflikt und das recht offene Ende verlieren dadurch kaum etwas von ihrer Kraft.

"Zornige Küsse" ist ein wunderbares Gegengift gegen all die US-Klamaukfilme, in denen Sexualität zu einem Witz verkommt, und zeigt an Hand einer packenden Geschichte, dass erwachende sexuelle Lust, Gefühle und Liebe ein Gefühlsgemisch ergeben können, dass schmerzlich sein kann.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.