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Karl May - Der Schatz im Silbersee
Karl May - Der Schatz im Silbersee
© Croco Film

Kritik: Karl May - Der Schatz im Silbersee (1962)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

An Karl May (1842-1912) führt in Deutschland kaum ein Weg vorbei. Die Abenteuer- und Wildwestromane des gebürtigen Sachsen sind obligatorische Jugendlektüre gleich mehrerer Generationen. Wer vor der Wende in Westdeutschland geboren ist, hat mindestens eine Adaption auf der großen Leinwand oder dem kleinen Schirm gesehen. Und selbst im Osten, in dem May viele Jahre als Imperialist und Rassist geächtet war, wurde er ab den 1980ern schließlich gedruckt, wurden viele der Western knapp 20 Jahre nach ihrer westdeutschen Premiere im Kino gezeigt. Mit dem "Schatz im Silbersee" bekommt nun ebenjener Film eine Wiederaufführung, mit dem der lange May-Verfilmungsreigen 1962 begann.

Das Westerngenre trieb bis heute manch seltsame Stilblüte. In den 1960ern waren das neben dem Italowestern besonders die von Horst Wendlandt produzierten, mit einem internationalen Cast auf mehreren Sprachen in Jugoslawien gedrehten und anschließend auf deutsch synchronisierten Karl-May-Verfilmungen. War die italienische Variante häufig technisch verspielt und weltanschaulich düster, von verschlagenen Antihelden durchsetzt, verlaufen im Bundeswestern die Grenzen klar(er). Niederträchtigen Bösewichten stehen Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker), die aufrechten Blutsbrüder mit den goldenen Herzen, entgegen. Zwei edelmütige Helden, die nicht auf Zaster aus sind. Das macht Lex Barker gleich zu Beginn klar, wenn er dem jungen Götz George in seiner Rolle als rachsüchtigem Fred Engel (!) entgegnet: "Nein, mein Freund, mich kann man nicht kaufen. Aber um der Gerechtigkeit willen helfe ich euch."

Harald Reinl, der im Anschluss an "Der Schatz im Silbersee" noch bei der "Winnetou"-Trilogie (1963-1965) und "Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten" (1968) Regie führte, inszeniert sein May-Debüt als Hetzjagd mit Hindernissen. Rettungsmanöver in letzter Minute wechseln sich mit waffengewandten Zweikämpfen ab. Die Handlung ist gestrafft, ganze Figuren aus der Vorlage wie Old Firehand sind ersatzlos gestrichen. Verschnaufpausen gibt es kaum. Als Auflockerung dienen die amüsanten Kommentare des skalpierten Sam Hawkens (Ralf Wolter) und die Reime des Wetsernpoeten Gunstick Uncle (Mirko Boman) sowie der so häufig unterschätzte Eddi Arent, der als Schmetterlingsjäger Lord Castlepool im kolonialen Tropen-Outfit grandios verschmitztes Understatement an den Tag legt.

Wer die westdeutschen Western als billigen Abklatsch amerikanischer Vorbilder in Erinnerung hat, dürfte ob deren visueller Qualitäten staunen. Kameramann Ernst W. Kalinke fängt die Schönheit der Paklenica-Schlucht, des Tals von Grobnik und der Plitvicer Seen, die als Ersatz für den Wilden Westen herhalten, in schönstem, brillant leuchtendem CinemaScope ein. Der Film ist erstaunlich gut gealtert. Die Sicht auf den Wilden Westen und dessen Ureinwohner ist es weniger. Nostalgikern dürfte das Herz angesichts all der Kriegsbeile, die ausgegraben, und all der Friedenspfeifen, die geraucht werden, dennoch höherschlagen.

Fazit: "Der Schatz im Silbersee" bildete 1962 den Auftakt einer Reihe von Karl-May-Verfilmungen. Erzählerisch kommt der klar in Gut und Böse aufgeteilte Western zwar reichlich naiv daher. Visuell kann er sich aber auch beinahe 60 Jahre nach seiner Premiere noch sehen lassen.




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