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Die Chroniken von Erdsee
Die Chroniken von Erdsee
© 2000-2007 Universum Film

Kritik: Die Chroniken von Erdsee (2007)


Dass „Die Chroniken von Erdsee“ ausgerechnet mit einem Vater-Mord beginnt (der nicht in der Vorlage von Ursula K. Le Guin enthalten ist) ist angesichts der Entstehungsgeschichte des Films schon ziemlich bezeichnend – auch wenn Regisseur Goro Miyazaki, Sohn des legendären Animationskünstlers Hayao Miyazaki, jede autobiographische Deutung ablehnt:

Schon in den 80er Jahren bemühte sich Miyazaki senior um die Filmrechte an der von der amerikanischen Autorin Ursula K. Le Guin verfassten, aus meheren Kurzgeschichten und Romanen bestehenden, Fantasy-Saga rund um die magische Welt Erdsee. Le Guin lehnte ab, erklärte jedoch über 20 Jahre später in einem Interview, dass Hayao Miyazaki der einzige Regisseur sei, dem sie eine Adaption anvertrauen würde. Prompt schlug Miyazaki zu und sicherte seinem Studio die Filmrechte – war dann aber als Ersatzmann für Regisseur Mamoru Hosoda, der ursprünglich die Inszenierung von „Das wandelnde Schloss“ hatte übernehmen sollen, zu beschäftigt, um sich auch der „Erdsee“-Adaption zu widmen. Gezwungenermaßen fahndete Ghibli-Produzent Toshio Suzuki nach einem anderen, geeigneten Regisseur für „Die Chroniken von Erdsee“ - und wurde im eigenen Hause fündig: Goro Miyazaki, der 1967 in Tokyo geborene älteste Sohn von Hayao Miyazaki, studierter Forstwirtschaftler und von 2001 bis 2005 Leiter des Studioeigenen Ghibli-Museums, erklärte sich bereit die Inszenierung der Fantasy-Adaption zu übernehmen. Miyazaki junior hatte zu diesem Zeitpunkt nur einige, wenige Kurzfilme für das Museum verantwortet, konnte aber die meisten Zweifler unter den Produktionsmitarbeitern mit den eigenhändig erstellten Storyboards überzeugen – nur Miyazaki senior blieb stur, sprach seinem Sohn rundweg die nötige Erfahrung ab und verweigerte jegliche Unterstützung.

Der Familienstreit in Japans erfolgreichstem Animations-Studio sorgte wähernd der gesamten Produktion für Schlagzeilen – und wurde erst beigelegt, als sich Papa Miyazaki den fertigen Film zu Gemüte führte und den Ambitionen seines Sohnes schließlich doch noch den gewünschten Segen erteilte. Ganz anders allerdings Autorin Le Guin: Die „Erdsee“-Erfinderin reagierte recht verschnupft auf die ihrer Meinung nach allzu freie Adaption. Nur mäßig begeistert zeigten sich auch die internationalen Kritiker, was allerdings weniger Rückschlüsse auf die Qualität des Films, als auf die generell von Ghibli-Produktionen geweckten übermäßigen Erwartungen schließen lässt.

Ohne Frage hat Goro Miyazaki mit „Die Chroniken von Erdsee“ kein ausgereiftes Meisterwerk wie „Prinzessin Mononoke“ oder „Chihiros Reise ins Zauberland“ vorgelegt, aber dennoch kann man dem geplagten Junior das Talent sicher nicht absprechen. Sein an Kinder oder junge Teens gerichtetes, aber mit einigen sozialkritischen Untertönen versehenes Debüt ist optisch wie inhaltlich klar als Teil des Ghibli-Kanons erkennbar. In gemütlichem Tempo, teils etwas dialoglastig erzählt, verweigert die um die Angst vor dem Tod kreisende Story, ähnlich wie der Ghibli-Vorgänger „Das wandelnde Schloss“, allzu genaue Erklärungen und ist daher vielleicht an manchen Stellen nicht ganz leicht zu verstehen - aber auch nicht so kompliziert, als dass man die Lust am Zusehen verlöre.Die Hintergründe bieten elegante, detailreiche Ansichten, wobei allerdings Sonnenuntergänge und Landschaft mehr Aufmerksamkeit auf sich lenken als Wolkenformationen, wie sie Hayao Miyazaki bevorzugt in Szene setzt.

Größter Kritikpunkt ist die gelegentlich nicht ganz ausgereifte Figurenanimation, die eher an den ersten Ghibli-Film „Das Schloss im Himmel“ oder die Prä-Ghibli-Produktionen von Miyazaki senior und Isao Takahata, erinnern – aber auch dieser Makel fällt zwar auf, ist jedoch nicht so störend, als dass er das Filmvergnügen wirklich schmälern könnte. Wirklich gut gelungen ist dagegen der glücklicherweise nicht synchronisierte Soundtrack, gesungen von der japanischen Sängerin (und Original-Synchronsprecherin von Therru) Aoi Teshima.

Fazit: Weitgehend gelungener Einstieg in die Animationsregie, der mehr erwarten lässt.





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