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Sherlock Holmes
Sherlock Holmes
© 2009 Warner Bros. Ent.

Kritik: Sherlock Holmes (2008)


Willkommen in London, in der Baker Street 221b. Wer hier eintritt, trifft auf niemand geringeres als den weltberühmten Super-Detektiv Sherlock Holmes und seinen Freund und Assistenten Doktor Watson. Die beiden wirklich zu treffen, würde aber nur dann gelingen, wenn man in der Lage wäre per Zeitmaschine über 100 Jahre zurück zu reisen und sich aus der Realität heraus in die Romane Sir Arthur Conan Doyles hinein zu befördern. Sherlock Holmes ist schließlich nicht mehr als eine literarische Figur, auch wenn manch ein Hardcore-Anhänger vielleicht anderes behaupten mag.

Verfilmungen gibt es inzwischen unzählige. Ähnlich dem vogelfreien Waldläufer Robin Hood entdeckt jede Generation diese Figur aufs Neue und haucht ihr Leben ein. Diesmal hat sich des Stoffes ein Regisseur angenommen, der eigentlich Spezialist für besonders schräge und abgefahrene Action-Komödien ist. Guy Ritchie, Ex-Mann von Madonna, scheint nach der Trennung von der Pop-Diva mit dem übermächtigen Schatten wieder ganz bei sich zu sein. Nachdem von den Fans bereits sehr wohlwollend aufgenommenen "Rock' N Rolla" inszeniert er nun die Geschichte des englischen Verbrechensbekämpfers. Wie aber ein blasiertes Superhirn und ein phlegmatischer Lieb-Onkel-Typ so recht in einen Film von Guy Ritchie passen sollen, leuchtet auf Anhieb nicht ein. Das hat sich wohl auch der Regisseur selbst gedacht und der Geschichte gleich eine komplette Rundumerneuerung spendiert. Kann aber ein Sherlock Holmes ohne den klassischen Charme Bestand haben?

Das viktorianische Zeitalter neigt sich dem Ende entgegen und London wird von einer Serie brutaler Ritualmorde heimgesucht. In letzter Sekunde gelingt es Holmes (Robert Downey Jr.) und Watson (Jude Law) den verantwortlichen Bösewicht Lord Blackwood (Mark Strong) zu stellen und ein Opfer zu retten. Die gerechte Strafe, die nun dem Schurken blüht, ist der Strick. Der Fiesling zeigt aber nicht einmal unmittelbar vor seiner Hinrichtung einen Anflug von Furcht. Er lacht seinen Henkern regelrecht ins Gesicht. „Der Tod ist erst der Anfang“, sagt er ihnen zum Abschied. Und tatsächlich: Kaum aus der Welt, ist sein Grab auch schon wieder leer; von innen heraus nach außen gesprengt. Ist Blackwood wirklich von den Toten auferstanden?

Wo Guy Ritchie draufsteht, ist es natürlich auch drin. Das sind nicht die beiden Helden, wie man sie aus anderen Filmen kennt: Holmes ist kein untergewichtiger arroganter Bücherwurm mehr. Aus ihm wurde ein bohèmer, lasterhafter und sich prügelnder Rabauke mit leichtem Hang zur Gosse. Er ist nicht nur ein scharfsinniger Schnüffler, sondern auch ein Meister der asiatischen Kampfkünste und des Stockkampfes. Watson ist zwar wesentlich aufgeräumter, ein typischer britischer Gentleman, aber auch er ist kein untersetzter und behäbiger Mitläufer mehr. Aus dem Assistenten wurde ein gleichberechtigter Partner, der Holmes auf Augenhöhe begegnet und ihm physisch kaum nachsteht.

Die beiden prügeln sich durch das London des Jahres 1890, es gibt rasante Action und auch reichlich Explosionen. Das erinnert oft mehr an James Bond als an einen Sherlock-Holmes-Film – allein schon durch die Konfrontation mit einem von Allmachtsphantasien getriebenen Super-Villain. Trotz des rasanten Feuerwerks wurde aber Wert darauf gelegt den klassischen Charme zumindest im Ansatz zu erhalten. Beim größtenteils im Rechner wiederauferstandenen alten London zeigt sich eindrucksvoll, dass sich deutlich Mühe gegeben wurde das Design authentisch erscheinen zu lassen.

Die Atmosphäre stimmt – allerdings erinnert die CGI-Optik ein wenig an den Stil von "Die Liga der außergewöhnlichen Gentleman". Und natürlich gibt es auch eine Story mit reichlich Geheimnissen und Rätseln, die auf ihre Entschlüsselung warten. Ob aber angesichts des hohen Erzähltempos überhaupt Zeit bleibt, sich darüber Gedanken zu machen, inwieweit die Story in irgendeiner Form stimmig ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Gedacht ist der Streifen als ultracooles knalliges Popcorn-Entertaintment. Und mit einem halben Cliffhanger zum Schluss werden bereits die Weichen für die Fortsetzung gestellt. In der bekommt es Holmes dann mit einem altbekannten Gegner zu tun.

Fazit: Knallig buntes Effektspektakel mit rudimentärem Retro-Charme. Das Set-Desing wurde maßgeschneidert auf Oldschool, das Storytelling dafür auf zeitgemäße Hochgeschwindigkeitsfahrt getrimmt. Noch nie war Robert Downey Jr. derart physisch austrainiert und noch nie zuvor haben Holmes und Watson den Bösewichten derart martialisch auf die Nuss gehauen. Eingefleischte Guy-Ritchie-Fans werden womöglich die typisch grenzwertigen Pointen ebenso vermissen wie klassische Sherlock-Holmes-Anhänger das besondere Flair seiner Geschichten, aber man kann es halt nicht allen recht machen.




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