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Slumdog Millionär - Dev Patel und Anil Kapoor
Slumdog Millionär - Dev Patel und Anil Kapoor
© Prokino

TV-Tipps für Sonntag (17.11.): Spielt Dev Patel mit dem Schicksal?

Arte zeigt "Slumdog Millionär"

Hochkarätiges Oscar-gekröntes Kino ist am Sonntagabend im Spielfilmangebot der Öffentlich-Rechtlichen. Arte strahlt im Hauptprogramm Danny Boyle's "Slumdog Millionär" aus, gefolgt von Spike Lee's "Malcolm X" im Spätprogramm von 3sat.

"Slumdog Millionär", Arte, 20:15 Uhr
Ein Teenager (Dev Patel) lässt sein Leben in den Slums Revue passieren, als er beschuldigt wird, bei der indischen Version von "Wer wird Millionär?" betrogen zu haben.

Mit "The Feel Good Movie of the Decade" wurde 2008 dieses britische Drama beworben - und tatsächlich zaubert das Werk ein Lächeln auf das Gesicht. Aber das sollte nicht täuschen, dass dies zugleich ein harter Film ist, bei dem Armut, Folter, Gewalt, Mord und Bettlerkinder, die geblendet werden, weil sie blind mehr erbetteln können, gezeigt werden. Es ist dem Genius von Regisseur Danny Boyle und Drehbuchautor Simon Beaufoy zu danken, dass sie eine potentiell bittere Geschichte in einen lebensbejahenden Streifen verwandelt haben, welche die verschiedenen Farben großartig verwebt. Dies alles visuell überwältigend und emotional berührend, ist der Film unterhaltsam und wuchtig zugleich.

Beaufoy adaptierte den 2005 erschienen Roman "Q & A" (Fragen und Antworten) des indischen Autoren Vikas Swarup, der in Deutschland als "Rupien! Rupien!" veröffentlicht wurde. Der Drehbuchautor nahm wesentliche Veränderungen an der Vorlage vor und destillierte die zahlreichen Handlungsstränge und Motive zu einer kohärenten Geschichte mit zahlreichen Rückblenden. Simon reiste dreimal nach Indien, um Straßenkinder zu befragen und das Millieu der Slums aufzunehmen. "Was man dort aufnimmt, ist diese Masse von Energie", erklärte der Autor. Die sich dann auf der Leinwand wiederfinden sollte.

Boyle hatte zunächst kein Interesse, "Slumdog Millionaire" zu drehen, weil er dachte, dies sei nur ein Marketing-Trick der Produktionsgesellschaft Celador, die auch die Produzenten der britischen TV-Ausgabe von "Who Wants to Be a Millionaire?" waren. Doch als er von Beaufoy's Beteiligung hörte, war sein Interesse geweckt, denn dieser hatte das Skript zu einem der Lieblingsfilme des Regisseurs verfasst: "The Full Monty" ("Ganz oder gar nicht"), der ähnlich wie "Slumdog Millionaire" eigentlich ernste Themen unterhaltsam aufbereitet hatte. Danny gefiel dessen Drehbuch und sagte zu.

Im September 2007 begann man, in Mumbai einheimische Schauspieler und Techniker einzustellen, und der Filmemacher entschied sich, ein Fünftel des englischen Dialoges in Hindi zu übersetzen, um mehr Authentizität zu erreichen. Gedreht wurde vor Ort in der indischen Mega-Stadt.

Das Ergebnis begeisterte die Kritiker, das Publikum und die Filmindustrie gleichermaßen. Die nur 15 Millionen Dollar teure Produktion spielte weltweit 378 Millionen Dollar ein und erhielt zehn Oscar-Nominierungen. Ausgezeichnet wurde "Slumdog Millionaire" als "Bester Film", für Regisseur Danny Boyle, Drehbuchautor Simon Beaufoy, Kameramann Anthony Dod Mantle, Komponist A.R. Rahman, Cutter Chris Dickens, den Song "Jai Ho" und die Tonmischung. Nur der Song "O Saya" und der Tonschnitt gingen leer aus.

Bei den Golden Globes gewann "Slumdog Millionaire" als "Bester Film", für Regisseur Boyle, Drehbuchautor Beaufoy und Komponist Rahman. Britische Filmpreise gingen an den Film, Regisseur Doyle, Drehbuchautor Beaufoy, Kameramann Dod Mantle, Komponist Rahman und die Tontechniker; nominiert waren Hauptdarsteller Dev Patel, Nebendarstellerin Freida Pinto und die Bühnenbildner. Bei den Europäischen Filmpreisen gewann Kameramann Dod Mantle; nominiert waren der Film, Regisseur Doyle, Drehbuchautor Beaufoy und Hauptdarsteller Patel.

Kritiker Martin Tsai schrieb in "Critic's Notebook": "Danny Boyle beschwört eine universelle Identifikation mit den Charakteren herauf und taucht zugleich in ihr ganz spezielles Milieu ein."



"Malcolm X", 3sat, 23:15 Uhr
Ein Kleinkrimineller (Denzel Washington) entwickelt sich über seine Konvertierung zum Islam zu einem umstrittenen und einflussreichen Führer der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Malcolm X alias Malcolm Little ist eine nicht unumstrittene Figur der amerikanischen Geschichte. Er war ein charismatischer und wortgewaltiger Advokat für die Bürgerrechte der afro-amerikanischen Mitbürger, aber seine teilweise radikale Rhetorik gegenüber den weißen Mitbürgern und sein Aufruf, den Misshandlungen, Ungerechtigkeiten und Unterdrückung auch selbst mit Gewalt zu begegnen ("By any means necessary"), ließen ihn in den sechziger Jahren zu einem Feindbild in der Presse werden und machen ihn bis heute zu einem Roten Tuch bei vielen Weißen. Für die Aufrufe von Martin Luther King zur Gewaltlosigkeit hatte Malcolm X zum Beispiel nichts übrig. Damit habe man noch nie etwas gegenüber den Weißen erreicht; sie verstünden nur die Sprache, die sie selbst ausübten: Die der Gewalt. Folglich verhöhnte Malcolm X King als "Onkel Tom" und "Hausneger".

Es war immer klar, dass ein Spielfilm über Malcolm X eine heikle Angelegenheit werden würde. Aber nicht nur, wie sich zeigen sollte, wegen der Vorbehalte der Weißen, sondern auch der Befürchtungen der Afro-Amerikaner, wie eine Kinoversion mit dem oft als Helden verehrten, 1965 in New York City im Alter von nur 39 Jahren ermordeten Malcolm X umgehen würde.

Basis einer Kinoversion würde das 1965 erschienene Buch "The Autobiography of Malcolm X" sein, das Alex Haley seit 1963 auf Grundlage von Interviews mit Malcolm X geschrieben hatte und es dann nach dessen Tod ohne dessen Mitwirken veröffentlichte. Produzent Marvin Worth erwarb bereits 1967 die Verfilmungsrechte an dem Sachbuch und produzierte 1972 den Oscar-nominierten Dokumentarfilm "Malcolm X".

Eine Spielfilmversion war ungleich schwieriger. Erst Ende der Achtziger erklärten sich Warner Brothers Pictures bereit, Worth den Film zu finanzieren. Als Regisseur wählten sie Norman Jewison aus, der 1967 mit "In the Heat of the Night" bewiesen hatte, dass er mit einem Rassen-sensitiven Thema hervorragend umzugehen vermochte. Doch es gab ein Problem: Jewison war weiß. Ein Proteststurm erhob sich in der afro-amerikanischen Bevölkerungsgruppe, die verlangte, dass sich ein farbiger Regisseur des Stoffes annehmen sollte - nur ein solcher sei in der Lage, der Figur, ihrem Hintergrund und ihren Motivationen gerecht zu werden.

Einer der schärfsten Kritiker war Spike Lee ("BlacKkKlansman"). Nicht ganz uneigennützig. Für den Regisseur war eine filmische Biographie der afro-amerikanischen Ikone ein Traumprojekt. Und er hatte Erfolg: Warner übertrugen ihm das Megaphon, nachdem Jewison verzichtet hatte, nicht ohne dass jener betonte, dass er nicht wegen der Proteste zurück ziehe, sondern weil er mit dem Drehbuch unzufrieden sei.

Lee stürzte sich mit Feuereifer in die Arbeit und schrieb das Drehbuch selbst. Den von Norman bereits auserkorenen Titeldarsteller Denzel Washington behielt der Filmemacher. Washington hatte Malcolm X bereits 1981 in "When the Chickens Come Home to Roost" auf einer Off-Broadway-Bühne überzeugend dargestellt.

Die Zusammenarbeit zwischen Spike und Warner Brothers verlief stürmisch. Der Künstler hatte seinen eigenen Kopf und schon von vornherein klar gemacht, dass er nur eine - nämlich seine - Version der filmischen Biographie auf der Leinwand akzeptieren würde. Dazu sei ein Budget von über 30 Millionen Dollar notwendig. Das Filmstudio sah das anders, offerierte nur 28 Millionen Dollar und verlangte, dass der Film nicht viel mehr länger als zwei Stunden ausfallen dürfe.

Das scherte Lee nicht. Er begann zu drehen und forderte laufend Geld nach, ließ sogar 2 der 3 Millionen Dollar seiner eigenen Gage in die Produktion umlenken. Als dann aber in der Nachproduktion klar wurde, dass die finale Schnittfassung des Films weit über drei Stunden betrug, weigerten sich Warner, weiteres Geld nachzuschießen und verfügten einen Produktionsstop. In dieser verfahrenen Situation sorgten die Spenden prominenter afro-amerikanischer Unterhaltungskünstler wie Oprah Winfrey, Janet Jackson, Bill Cosby, Michael Jordan, Magic Johnson und Prince dafür, dass die Produktion weiter gehen konnte. Schlussendlich betrug das Budget 33 Millionen Dollar.

Spike Lee war innerhalb der afro-amerikanischen Bevölkerungsgruppe keine unumstrittene Wahl gewesen. Viele hatten Angst, der Regisseur von "Do the Right Thing" würde mit einer Ghetto-Version der Geschichte der Persönlichkeit von Malcolm X nicht gerecht werden. Lee scherzte nachher, er habe bei der Premiere des Dramas 1992 vorsichtshalber seinen Reisepass dabei gehabt, um im schlimmsten Fall schnell die USA verlassen zu können.

Doch die Skeptiker wurden beschämt: Spike brachte das Leben von Malcolm X in einem epischen Bogen inspirierend, unterhaltsam und mit einer nuancierten Botschaft überzeugend auf die Leinwand. Herzstück des Films ist dabei die grandiose Darstellung von Denzel, die mit Nominierungen für den Academy Award und den Golden Globe sowie dem Gewinn des Silbernen Bären bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin honoriert wurde.

Dazu konnte "Malcolm X" noch eine Oscar-Nominierung für Kostümbildnerin Ruth E. Carter erhalten. 2010 nahm die Library of Congress den Film als ein "kulturell, historisch oder ästhetisch bedeutsames Werk" in das National Film Registry auf, um es der Nachwelt zu erhalten.

Ein Zuschauer urteilt: "Spike Lee hat diesen Film 'den Streifen, für den ich geboren wurde' genannt, und Denzel Washington seinen Part als 'die Rolle eines Lebens'. Beide haben recht. Visuell und dramatisch zieht Lee alle Register, aber es ist insbesondere Washington's Darstellung, welche dieses Werk richtig unter Strom setzt. Alles in allem ist das ein ehrgeiziger, harter und ernsthaft angegangener biographischer Film, der sich einer einfachen Kategorisierung entzieht."



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