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Apocalypse Now Redux - Martin Sheen
Apocalypse Now Redux - Martin Sheen
© Studiocanal

TV-Tipps für Sonntag (7.11.): Martin Sheen reist ins Herz der Finsternis

Arte zeigt Meisterwerk "Apocalypse Now"

Am Sonntagabend müssen sich Spielfilm-Fans im Spätprogramm zwischen zwei exzellenten Streifen entscheiden. Es treten an: Auf Arte das Meisterwerk "Apocalypse Now" in der Final Cut-Version von 2019 gegen den Action-Spaß "Deadpool" auf Pro7.

"Apocalypse Now", Arte, 21:45 Uhr
Ein Soldat (Martin Sheen) wird während des Vietnam-Kriegs auf eine gefährliche Mission nach Kambodscha geschickt, um einen abtrünnigen Oberst (Marlon Brando), der sich zum Gott eines Stammes erklärt hat, umzubringen.

Es gibt genügend Beispiele für Filmemacher, denen ihr Erfolg zu Kopf stieg und die sich in Projekten verloren, die am Ende so wirr waren, dass sie kein Mensch begriff oder sehen wollte ("Zardoz" von John Boorman), oder die sogar ein Hollywood-Studio wie United Artists in den Abgrund rissen ("Heaven's Gate" von Michael Cimino). "Apocalypse Now" ist das perfekte Beispiel für einen solchen Film: Francis Ford Coppola, der Wunderknabe, der nicht fehl gehen konnte - gefeiert für seine zwei "Der Pate"-Filme ebenso wie für "Der Dialog" - machte sich als 37-Jähriger auf, das Thema Vietnam-Krieg anzugehen.

Das gigantomanische Unternehmen geriet völlig aus dem Ruder: Statt fünf Monaten dauerten die Dreharbeiten auf den Philippinen weit über ein Jahr von März 1976 bis Mai 1977. Behindert durch die Zerstörung der Kulissen durch einen Taifun, einen Herzinfarkt des Hauptdarstellers Martin Sheen und das nicht vorausgesehene Übergewicht von Nebendarsteller Marlon Brando, das verhinderte, dass Coppola das eigentlich vorgesehene Ende drehen konnte wie geplant, und der sich dann schwer tat, ein neues zu finden, taumelte die Produktion Besorgnis erregend ihrem Ende entgegen. Als dann noch Gerüchte die Runde machten, es gebe verschiedene Schnittversionen des Films, weil der Regisseur sein Material nicht in den Griff bekäme und die ersten Pressevorführungen mit ablehnender Resonanz verliefen, schien das Fiasko perfekt. Coppola selbst gab zwischenzeitlich zu, es bestehe nur noch eine Chance von "20 Prozent", dass er den Film fertig stelle - wie in dem großartigen Dokumentarfilm "Hearts of Darkness" von Coppola's Frau Eleonor zu sehen. Die für Mai 1978 vorgesehene Premiere wurde abgeblasen.

Doch ab und zu hält Hollywood ein Happy Ending vor: Mit einem Team von hervorragenden Künstlern wie zum Beispiel Cutter Walter Murch, der bei diesem Film auch die Tonmischung verantwortete und es schaffte, einen in Mono gedrehten Streifen zu einem Dolby Surround-Erlebnis werden zu lassen, brachte man das Projekt auf Kurs. "Apocalypse Now" wurde das erste in Dolby Surround ausgestrahlte Werk. Die 180 Minuten-Fassung, die auf den Filmfestspielen von Cannes im Mai 1979, also zwei Jahre nach Ende der Dreharbeiten, schließlich als "Work in Progress" aufgeführt wurde, erhielt langen Applaus und gewann zusammen mit "Die Blechtrommel" die Goldene Palme.

Die Kritiker waren begeistert, und das hypnotische, halluzinierende, kühne und visionäre Meisterwerk wurde ein weltweiter Erfolg: Ein Einspiel von rund 150 Millionen Dollar machte die 32 Millionen Dollar Kosten - ursprünglich hatte man mit 20 Millionen Dollar kalkuliert - mehr als wett. Für acht Academy Awards nominiert, gewann der Film zwei: Murch für seinen "Besten Ton" - für den "Besten Schnitt" war er ebenfalls nominiert - und für Kameramann Vittorio Storaro. Heute gilt der Film noch immer als eines der großen Meisterwerke der Kinogeschichte und taucht auf vielen Bestenlisten auf.

Arte zeigt nun die Final Cut-Version von 2019, für die der Regisseur die 49 Minuten geschnittenes Material, die er in die Redux-Version von 2001 eingefügt hatte, wieder etwas schnitt.

Ein kanadischer Zuschauer schwärmt: "Mein Lieblingsfilm. Eine beinahe psychedelische Reise an ein sehr surreales Ende, das diesen Film nicht für jeden zugänglich macht. Ein sehr anspruchsvoll anzusehender Film, aber gleichermaßen lohnend."



"Deadpool", Pro7, 22:40 Uhr
Ein Söldner (Ryan Reynolds) mit losem Mundwerk und tiefschwarzem Humor wird einem abseitigen Experiment unterzogen, das ihn mit erhöhten Heilkräften und einem Verlangen nach Rache ausstaffiert.

Deadpool alias Wade Winston Wilson ist ein Charakter, der erstmals 1991 in einem Marvel Comic auftauchte und 1997 seine eigene Comic-Reihe erhielt. Im "X-Men"-Universum ist Deadpool der etwas andere Held, sogar eher ein Anti-Held mit einer sehr sarkastischen Attitüde, der fortwährend die vierte Wand durchbricht, sich also direkt an den Leser wendet und Sprüche über Pop-Kultur bringt, während die Autoren oft aktuelle Filme und Serien parodieren.

Entsprechend groß war die Enttäuschung bei Fans der Figur, als Deadpool 2009 zum ersten Mal in "X-Men Origins: Wolverine" auftauchte. Der von Ryan Reynolds verkörperte Charakter brachte nämlich keinerlei Sprüche und wendete sich auch nicht an das Publikum. Marvel-Leser mussten den Eindruck erhalten, dass die Filmemacher keinen Schimmer hatten, was Deadpool ausmachte und seinen Stellenwert bei Fans begründete.

Kein Wunder also, dass Reynolds - als die Pläne für einen Deadpool-Solo-Film konkret wurden - versicherte, man werde den Geist der Comic-Vorlagen auf die Leinwand übertragen. Doch bis das so weit war, wurde hinter den Kulissen bei 20th Century Fox jahrelang heftig gekämpft.

Das Studio hatte die Rechte an der Figur bereits 2005 erworben und wollte nach dem Erfolg von "X-Men Origins: Wolverine" auch Deadpool entsprechend ins Kino bringen. Doch die Studiobosse konnten sich überhaupt nicht mit dem Drehbuch von Rhett Reese und Paul Wernick anfreunden, dessen vulgäre Sprüche allein schon garantierten, dass der US-Fantasy-Film keine "PG-13"-Altersfreigabe erhalten würde, sondern das gefürchtete "R" ("Restricted"). Damit würden Jugendliche unter 17 Jahren nur in Erwachsenenbegleitung ins Kino kommen. Comic-Verfilmungen wie "300" im Jahr 2006 und "Watchmen" im Jahr 2009, die mit "R" freigegeben worden waren, hatten zum Start nur die Hälfte des Ergebnisses erreicht, die Superheldenfilme sonst erzielten. "Kick-Ass", dessen Tonfall am ehesten mit dem eines potentiellen "Deadpool" zu vergleichen war, kam sogar mit lediglich knapp 20 Millionen Dollar aus den Startlöchern.

Was das "Deadpool"-Projekt dann scheinbar auf absehbare Zeit beerdigte, war der Flop von "Green Lantern", in dem ausgerechnet Ryan Reynolds diese Figur aus dem DC Comics-Universum verkörperte. Die Fox-Manager zählten eins und eins - "R"-Rating und "Kassengift" Ryan Reynolds - zusammen und stoppten die Vorproduktion. Sie ließen sich auch nicht von Probeaufnahmen von Reynolds als Deadpool beeindrucken, die der avisierte Regisseur Tim Miller ("Terminator: Dark Fate"), dessen Debut dies werden sollte, gedreht hatte.

Im Juli 2014 nahm die endlose Vorproduktionsgeschichte eine überraschende Wendung. Irgendjemand - bis heute ist nicht klar, wer es war - veröffentlichte die Testaufnahmen im Internet. Die Reaktion auf das Material war überwältigend positiv - so sehr, dass Fox einknickten und im September grünes Licht für die Dreharbeiten zu einem Streifen à la Tim Miller gaben. Dass der Superhelden-Filmzyklus mit dem gigantischen Erfolg von "The Avengers" inzwischen in eine neue, Erfolg versprechende Phase eingetreten war, trug sein Scherflein sicherlich auch dazu bei.

So konnte im Frühjahr 2015 im kanadischen Vancouver gedreht werden. Dass das Filmstudio immer noch skeptisch war, zeigte sich indes in dem immer wieder nach unten gekürzten Budget, das schließlich vergleichsweise bescheidene 58 Millionen Dollar betrug. Für die Anwesenheit der Drehbuchautoren Reese und Wernick am Drehort wollte das Studio zum Beispiel nichts bezahlen, so dass Reynolds deren Arbeitszeit aus eigener Tasche finanzierte, um mit ihnen vor Ort ständig neue Sprüche improvisieren zu können.

Wie versprochen klopft Deadpool nicht jugendfreie Sprüche ohne Ende, wendet sich ständig an die Zuschauer und macht sich über alles lustig, was links und rechts des Weges liegt. So kommentiert er die Anwesenheit von zwei X-Men-Superhelden: "Nur zwei? Mehr wollten Fox wohl nicht bezahlen." Er bittet darum, nicht grün und animiert zu werden - eine Anspielung auf Green Lantern - und fragt an einer Stelle, ob man gerade in der X-Men-Zeitachse sei, wo Patrick Stewart oder James McAvoy Professor X spielten.

Schnell, witzig und mit Schmackes profan, unterwanderte das Werk das Superheldenschemata mit äußerst unterhaltsamem und definitiv nicht familienfreundlichem Ergebnis. Auch auf visueller Ebene wollten Miller und sein Kameramann Ken Seng ihren Streifen auch nicht zu geleckt aussehen lassen und sorgten in der Nachproduktion dafür, dass das digitale Bildmaterial eine künstliche Grobkörnung, die man von Zelluloid kennt, erhielt. Sechs Firmen sorgten darüber hinaus für rund 1500 Spezialeffekte.

Am Schluss wird an der Kinokasse abgerechnet, wer Recht behielt - die skeptischen Studiobosse oder die wagemutigen Künstler. Nachdem die Kritiker bereits den Daumen gehoben hatten, stürmten die Zuschauer 2016 die Kinos und machten "Deadpool" mit weltweit 783 Millionen Dollar zu einem Riesenerfolg. Es zeigte sich, dass nun viele Fans kamen, die honorierten, einmal keine verwässerte, auf Kinderaugengeschmack getrimmte Geschichte vorgesetzt zu bekommen, sondern eine sozusagen werkgetreue Verfilmung. Die witzige Marketing-Kampagne hatte ebenfalls Lust auf diesen etwas anderen Superhelden gemacht. 20th Century Fox gaben nun sofort die Fortsetzung in Auftrag, die zwei Jahre später auf die Leinwände traf und mit 785 Millionen Dollar genauso erfolgreich werden sollte.

James Gunn, der Regisseur von "Guardians of the Galaxy", erklärte: "Der Film ist ein Erfolg, weil er originell und verdammt gut ist und keine Angst hatte, Risiken einzugehen. Ich hoffe, dass die Filmstudios die richtige Lehre daraus ziehen."

Bei den Golden Globes wurden der Film und Hauptdarsteller Ryan Reynolds nominiert.

Kritikerin Sarah Marrs befand in "Lainey Gossip": "Der Film ist kess und witzig, die meisten Witze treffen ins Schwarze, und das Ganze verspottet ganz offen das übliche Moralisieren in den Superheldenfilmen. Statt dessen sorgt der Streifen Hände reibend für Brutalitäten, bei denen die Eingeweide nur so spritzen, und Obszönitäten."



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