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Vertigo - Kim Novak
Vertigo - Kim Novak
© Universal Pictures International

TV-Tipps für Sonntag (16.1.): Kim Novak entsteigt dem Reich der Toten

Arte zeigt Meisterwerk "Vertigo"

Am Sonntagabend verwöhnen die Fernsehsender Spielfilm-Fans mit zwei Meisterregisseuren und einem Meisterwerk. "Vertigo" von Alfred Hitchcock gilt als einer der besten Filme aller Zeiten und ist im Arte-Hauptprogramm zu sehen. Danny Boyle's "127 Hours" läuft im Spätprogramm von RTL2.

"Vertigo", Arte, 20:15 Uhr
Ein Detektiv (James Stewart) aus San Francisco, der unter Höhenangst leidet, untersucht die seltsamen Aktivitäten der Ehefrau (Kim Novak) eines alten Schulfreundes (Tom Helmore) und entwickelt dabei eine gefährliche Besessenheit für sie.

Der Film, der 2012 "Citizen Kane" in der Liste der "Besten Filme aller Zeiten" des Magazins "Sight & Sound" nach Jahrzehnten an der Spitze ablöste. Die stetig steigernde Bewunderung für dieses Meisterwerk spiegelte sich in dessen Aufstieg in der Liste, die durch die Wahl von 800 Filmkritikern bestimmt wurde: Erst 1982 tauchte die Paramount Pictures-Produktion überhaupt dort auf, 1992 erreichte sie den vierten, 2002 den zweiten und 2012 schließlich den ersten Rang.

Dieser langsame, seltsam fiebertraumhafte US-Kriminalfilm ist nicht nur unvorhersehbar unheimlich, sondern gleichzeitig auch eine traurige Meditation über Liebe, Verlust und menschlichen Trost. Und nicht zu vergessen: Besessenheit. Brian de Palma nannte seine Quasi-Wiederverfilmung 1976 entsprechend "Obsession" ("Schwarzer Engel").

Alfred Hitchcock ("Psycho") hatte sich 1956 die Rechte an dem französischen Roman "D'entre les morts" von Pierre Boileau und Thomas Narcejac gesichert, deren Namen ihm im Zusammenhang mit Henri-Georges Clouzot's Meisterwerk "Les Diaboliques" ("Die Teuflischen") im Vorjahr ins Blickfeld gerückt waren. Jene französische Produktion war von den Medien als "Hitchcock-mäßig" gerühmt worden.

Bis ein Drehbuch stand, das den Filmemacher zufrieden stellte, brauchte es drei Durchläufe. Nacheinander versuchten sich Maxwell Anderson, Alec Coppel und Samuel Taylor. Letztere beide wurden schließlich offiziell im Vorspann genannt. Sie verlegten den Handlungsort Paris nach San Francisco, was aufgrund der Höhenangst der Hauptfigur eine kongeniale Wahl war. Ganz gegen seine Vorliebe, möglichst viel im Studio zu drehen, nutzte Hitchcock mit vielen Außendrehs in und um die kalifornische Stadt deren Atmosphäre.

Die weibliche Hauptrolle sollte ursprünglich Vera Miles spielen, die ein Jahr zuvor für Alfred und dessen "The Wrong Man" sowie in seiner Fernsehserie "Alfred Hitchcock Presents" vor der Kamera gestanden hatte und zwei Jahre später noch in "Psycho" mitwirken sollte. Doch die Mimin wurde schwanger und musste daher durch Kim Novak ersetzt werden.

Um das Gefühl von Schwindel, das den Protagonisten plagt, optisch für die Zuschauer erlebbar zu machen, nutzten der Regisseur und sein langjähriger Kameramann Robert Burks einen Trick, den später auch Kollegen wie Steven Spielberg in "Jaws" ("Der weiße Hai") verwenden sollten: Eine Kamera fährt nach vorne, zoomt aber gleichzeitig rückwärts. Der Hintergrund scheint sich vom Zuschauer wegzubewegen, während der Nahbereich gleich bleibt. Das führt zu einer Streckung der perspektivischen Tiefe, die das menschliche Gehirn so nicht kennt, und erzeugt ein Schwindelgefühl. Im Fernsehen ist dieser Effekt allerdings wegen der schnelleren Abspielgeschwindigkeit nicht so zu spüren wie vor der Kinoleinwand.

Bei der Premiere wurde "Vertigo" ein solider Erfolg an den Kassen und erhielt bloß gemischte Kritiken. Schnell stand er im Schatten des folgenden sagenhaften Hitchcock-Hattricks "North by Northwest" ("Der unsichtbare Dritte"), "Psycho" und "The Birds". Ausstattung und Ton wurden für den Oscar nominiert. 1989 nahm ihn die US-Library of Congress als "kulturell, historisch oder ästhetisch" bedeutendes Werk in das National Film Registry auf, um es der Nachwelt zu erhalten.

Ein Zuschauer schwärmt: "Vom Vorspann mit seinen rotierenden spiralförmigen Bildern bis zur dramatischen letzten Szene transportiert dieser Film uns in ein San Francisco der Vergangenheit. Die Leistungen von James Stewart und Kim Novak sind bemerkenswert, aber was den Film wirklich auszeichnet, sind sein intelligentes Drehbuch und die Kunstgriffe des Regisseurs. Hitchcock ist in Hochform, hypnotische Szenen zu erschaffen und eine Atmosphäre des Unbehagens und der Verunsicherung selbst in den banalsten Situationen zu erzeugen. Unterstützt wird er durch die wundervolle Filmmusik von Bernhard Herrmann."



"127 Hours", RTL2, 23:40 Uhr
Ein Bergsteiger (James Franco) wird unter einem Felsen eingeklemmt, während er alleine durch einen Canyon nahe Moab im US-Bundesstaat Utah klettert, und ergreift verzweifelte Maßnahmen, um zu überleben.

Geschichten, die das Leben schreibt...kein Wunder, dass Regisseur und Drehbuchautor Danny Boyle ("Slumdog Millionaire") an der wahren Begebenheit um den Bergsteiger Aron Ralston interessiert war, der 2003 für fünf Tage und sieben Stunden (eben 127 Hours) in einem Canyon festsaß und daraus ein Jahr später den Bestseller "Between a Rock and a Hard Place" entwickelte. Vier Jahre lang verfolgte Boyle das Projekt, bis es 2010 endlich auf den Leinwänden erschien und fast einhellig von der Presse als eine magenumdrehende und gleichzeitig inspirierende Erfahrung gepriesen wurde. Auf vortrefflichste Weise ergänzten sich hier die nicht zu bändigen inszenatorischen Einfälle des Engländers mit der großartigen Darstellung von James Franco.

Dabei hätte das Ganze auch ordentlich schief gehen können, denn über weite Strecken des Films erzählt Boyle sehr realitätsgetreu Ralston's Zwangslage nach - und das heißt, dass man nicht viel mehr zu sehen bekommt als einen Mann, der halt feststeckt. Doch es ist dem Genius des Filmemachers zu verdanken, dass seine Vision eines "Action-Films mit einem Mann, der sich nicht bewegen kann", wahr wurde. Dabei drehte er hauptsächlich in einem Studio und begrenzte Spezialeffekte auf ein Minimum. So konnte die Fox Searchlight-Produktion, die auch an den Originalplätzen in Utah entstand, für moderate 18 Millionen Dollar entstehen.

Doch trotz all des Kritikerlobs Lob und zahlreicher Preise und Nominierungen wurde der US-Abenteuerfilm ein nur mäßiger Erfolg. Fox schickten den Streifen in Nordamerika ohnehin nur mit unter 1000 Kopien in die Kinos, aber es kamen zu wenige Zuschauer. Weltweit reichte es immerhin für 60 Millionen Dollar Umsatz. Ein Grund lag sicherlich darin, dass viele Besucher sich wegen einer bestimmten Szene nicht in den Film trauten, zumal die Presse begierig jeden Ohnmachts- oder Übelkeitsanfall von Zuschauern breit trat - obwohl Danny Boyle überhaupt nichts explizit zeigt.

"Man kann wissen, wie die Geschichte ausgeht und trotzdem von diesem mystischen, ergreifenden und wunderbaren Film bewegt sein", ergriff Kritiker Roger Moore in "Movie Nation" Partei für das Werk.

"127 Hours" erhielt sechs Academy Awards-Nominierungen als "Bester Film", für das Drehbuch, Hauptdarsteller James Franco, Komponist A.R. Rahman, Cutter Jon Harris und den Song "If I Rise". Nominiert für den Britischen Filmpreis waren der Film, Regisseur Boyle, sein Drehbuch, Hauptdarsteller Franco, die Kameramänner Anthony Dod Mantle und Enrique Chediak, Komponist Rahman, Cutter Harris und die Tontechniker. Für den Golden Globe lagen das Drehbuch, Hauptdarsteller Franco und Komponist Rahman im Rennen. Da Franco auch für den Screen Actors Guild Award nominiert war, gelang ihm der seltene Grand Slam der vier großen Schauspielerpreise in einer Preisverleihungssaison.



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