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Kritik: Tulpenfieber (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Als Folie für ihren historischen Liebesroman diente Schriftstellerin Deborah Moggach nicht nur das Goldene Zeitalter der Niederlande, in dem Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Kultur eine ungeahnte Blüte entfalteten, sondern auch der erste ökonomische Rückschlag dieser etwa hundertjährigen Epoche. Das Geschäft mit den Tulpenzwiebeln, das heute als erste gut dokumentierte Spekulationsblase der Geschichte gilt, nimmt auch Regisseur Justin Chadwick in seiner Verfilmung von Moggachs Vorlage zum Anlass, etwas Gegenwartsbezug in seinen opulenten Kostümfilm zu bringen. Wenn die Bewohner Amsterdams, egal ob reicher Kaufmann oder einfacher Knecht, bar jeder Vernunft in schummrigem Ambiente in ein erregtes Wettbieten verfallen, erinnert das ganz bewusst an die kommenden Wölfe der Wall Street.

Den Rest dieser Blütezeit nutzt Chadwick gekonnt, um mit einem bis in die Nebenrollen erstklassig besetzten Ensemble in Kulissen und Kostümen zu schwelgen. Damit kennt sich der Engländer aus. Bereits 2008 setzte er Natalie Portman und Scarlett Johansson in "Die Schwester der Königin" aufwendig in Szene. Und auch dieses Mal kann sich Chadwicks Entwurf einer längst vergangenen Ära sehen lassen. Die Außenaufnahmen in den Grachten sind von reger Geschäftigkeit. Das Publikum kann all die Düfte der frisch angelieferten Waren und den Gestank des Unrats förmlich riechen, wenn Eigil Brylds Kamera in ausgeklügelten Bewegungen durch die Menschenmenge drängt. Chadwicks Interieurs stehen in ihrem Bildaufbau, ihrer Farbgestaltung und Lichtsetzung den Gemälden Alter Meister in nichts nach. Das passt, schließlich dreht sich Roman wie Verfilmung im Kern um die Schönheit von Mensch und Natur.

Das Drehbuch aus der Feder Tom Stoppards ("Shakespeare in Love", "Anna Karenina") schlägt zwar ein, zwei unglaubwürdige Haken zu viel, macht das aber durch manch amüsante Raffung, elegante Verschränkung und Überraschung wieder wett. Die Rolle des Gewürzhändlers Cornelis Sandvoort ist ihm allerdings gründlich missraten, weil sie viel zu unentschlossen zwischen den Extremen laviert. Christoph Waltz bleibt dementsprechend blass. Leider vernachlässigt Regisseur Justin Chadwick über all der Schönheit und Raffinesse auch seine anderen Figuren schmerzlich. Judi Dench als Äbtissin, Zach Galifianakis als Trunkenbold und Cara Delevingne als verführerische Diebin bleibt kaum Gelegenheit zu glänzen. Während Holliday Grainger als Magd und Jack O'Connell als Fischhändler noch als überzeugendes Liebespaar durchgehen, spielen Alicia Vikander und Dane DeHaan ihre Parts als frustrierte Ehefrau und heißblütiger Maler so leidenschaftslos, das der Funke einfach nicht aufs Publikum überspringen will.

Fazit: "Tulpenfieber" ist ein sehenswert ausgestattetes und eingefangenes Historiendrama, das vor dem Hintergrund einer Spekulationsblase zwei Liebesgeschichten durch einen abenteuerlichen Plan miteinander verschränkt. Regisseur Justin Chadwick schwelgt dabei etwas zu sehr in Schönheit und Opulenz und verliert darüber (die Glaubwürdigkeit) seine(r) Figuren aus den Augen. Romantische Gefühle wollen sich so beim Publikum nie recht einstellen.





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