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Kritik: Bonne nuit papa (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die vielen Fragen, die Marina Kem an ihren kambodschanischen Vater hatte, konnte und wollte dieser ihr nicht selbst beantworten. Zu grundsätzlich war ihre Natur, zu groß die Kluft zwischen dem Erfahrungshorizont der in der DDR aufgewachsenen Tochter und des Vaters, dem die Jahrzehnte im Exil zunehmend die Sprache verschlugen. Mit ihrem Dokumentarfilm versucht sie, ihren Vater posthum besser kennen zu lernen. So gerät der Film zur zärtlichen Liebeserklärung einer Tochter an ihren Vater. Gleichzeitig verfolgt er die Geschichte einer kambodschanischen Familie bis zurück in die Zeit des Terrorregimes der Roten Khmer.
Dr. Ottara Kem kam als Abiturient 1965 mit einem Stipendium in die DDR, um Maschinenbau zu studieren. Nach der Promotion wollte er zurück nach Kambodscha, aber der Einzug der Roten Khmer 1975 machten diese Pläne zunichte. Er arbeitete also in Ostdeutschland in einem Kombinat für Landmaschinen, heiratete die deutsche Mutter seiner Tochter und bekam mit ihr zwei weitere Kinder. Aber dann folgten die Scheidung, die Wende und die Arbeitslosigkeit. Der Film lässt erahnen, welch große Einsamkeit diesen verschlossenen Mann umgeben haben muss, ohne ihm seine geheimnisvolle Aura zu rauben und ihn zu analysieren. Die Tochter hebt diese Einsamkeit aber auch stellvertretend für ihn auf, indem sie nach seinem Tod Kontakt zu dem kambodschanischen Familienzweig sucht und findet. Es gibt sehr bewegende Momente, wenn ein Cousin über die Schreckensherrschaft der Roten Khmer erzählt, der auch der älteste Bruder von Ottara Kem zu Opfer fiel. Diesen kennt der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt bereits als liebevollen Briefeschreiber.
Auf der Bildebene besteht der Film aus Statements von Bekannten und Verwandten, Vor-Ort-Besuchen in Deutschland und Kambodscha, alten Familienfotos, Animationen sowie viel Archivmaterial. Anhand solcher Aufnahmen taucht Marina Kem tief in die DDR-Vergangenheit, aber auch in die Kambodschas ein. Die nicht-lineare Erzählung wechselt in spannender Montage zwischen Schauplätzen in beiden Ländern. Die Off-Erzählungen Marina Kems werden ergänzt von einer männlichen Stimme, die aus den Tagebuchaufzeichnungen des Vaters und den Briefen vorliest, die er erhielt. Im Laufe dieser spiralförmig sich verdichtenden Biografie wird immer deutlicher, wie viel Schmerzliches dieser Exil-Kambodschaner alleine verarbeiten musste, in einer Umgebung, in der er stets auch Außenseiter blieb. Umso mehr beeindruckt die Beharrlichkeit, mit der seine Tochter nun diese Isolation für ein faszinierendes Porträt aufbricht.

Fazit: Der berührende Dokumentarfilm von Marina Kem ist eine zärtliche posthume Spurensuche im Leben ihres kambodschanischen Vaters, der 1965 zum Studieren in die DDR kam und dort eine Familie gründete.





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