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El Topo
El Topo
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: El Topo (1970)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Der äußerst vielseitige Künstler Alejandro Jodorowsky war bis vor kurzem als Regisseur fast vergessen. Doch beim Filmfestival von Cannes 2013 gelang ihm mit der Präsentation der Verfilmung seiner Autobiografie "La Danza de la Realidad" - seinem ersten neuen Film seit 23 Jahren - ein überraschendes Comeback. Nachdem jahrzehntelange rechtliche Streiteren mit Jodorowskys ehemaligen Vertreiber, dem umstrittenen Beatles-Manager Allen Klein, endlich beigelegt werden konnten, sind Jodorowskys beiden bekanntesten Filme "El Topo" (1970) und "La Montana Sacra" (1973) seit einigen Jahren endlich auch wieder offiziell erhältlich. Jetzt kommen diese beiden berüchtigten Kultfilme auch erstmalig in Deutschland auf DVD heraus und im Zuge dessen sogar auch noch einmal ins Kino.

Jodorowskys erster Spielfilm, der 1967 in Mexiko in Schwarzweiß gedrehte "Fando y Lis", (1967) verursachte bei seiner Premiere auf dem Filmfest von Acapulco einen derartigen Aufruhr, dass der Regisseur schnell weggefahren werden musste, um nicht von dem wutentbrannten Mob gelyncht zu werden. Trotzdem hat Jodorowsky bald darauf mit "El Topo" (1970) auch seinen zweiten Langfilm in Mexiko gedreht. Allerdings verzichtete man auf einen Vertrieb des Films in Mexiko selbst und konzentrierte sich stattdessen lieber auf das Ausland, wie die USA. Völlig unerwartet wurde "El Topo" dann in New York zu einem Kult-Phänomen. Ein umtriebiger New Yorker Kinobetreiber zeigte den Film nur um Mitternacht, wo er dafür gleich Monate am Stück lief. Das bis in die 80er-Jahre hinein reichende Phänomen der "Midnight Movies" war geboren.

"El Topo" zeigt eine Welt voller Gewalt und Verkommenheit. Banditen vergewaltigen, foltern und morden am Wüstenrand. Ihnen gegenübergesetzt sind äußerst skurrile meditierende Revolverhelden. In einer kleinen Westernstadt ist die vermeintlich zivilisierte Bevölkerung im höchsten Maße bösartig und degeneriert. Die Alternative hierzu bilden die Höhlenbewohner, die durch jahrelange Inzucht verkrüppelt sind. Nicht nur "das Normale" ist in "El Topo" somit schlecht. Es scheint auch nur schlechte Alternativen zu geben. Der Film, der auch als ein Kult-Film der Hippie-Zeit gilt, ist keineswegs eine Verklärung, sondern viel eher ein Abgesang auf die Alternativkultur. Egal, welche Gruppe man wählt, jede einzelne ist auf seine Art gefährlich beschränkt.

Auch El Topo selbst erscheint als äußerst widersprüchlich. Er ist ein schlechter Vater und ein knochenharter Hund, ein ausgekochter Macho und ein heimtückischer Killer. Doch zugleich verfügt er über magische Fähigkeiten und kann aus Steinen Wasser hervorsprudeln lassen. Er gibt alles auf seinem einsamen Weg zur Transzendenz und als er seine eigene Verkommenheit erkennt, begibt er sich auf den Büßerpfad der Selbstaufopferung. Anhand von El Topo und seinem Sohn, die bezeichnenderweise von dem Filmemacher selbst und dessen Sohn verkörpert werden, zeigt Jodorowsky das Leben als einen ewigen Zyklus, wodurch der Film eine zusätzliche spirituelle Dimension erhält. Jodorowsky scheint auch sagen zu wollen, dass bestimmte Fehler im Leben einfach immer wieder selbst gemacht werden müssen, um von dort aus weiter voranschreiten zu können.

Alejandro Jodorowsky ist ganz allgemein der Ansicht, dass das Mystische über scheinbare Gegensätze wie Gewalt und Spiritualität hinausgeht. Wer einen wirklich mystischen Film machen will, kommt deshalb gar nicht daran vorbei beides – also auch die Gewalt – zu zeigen. Als Beispiel nennt er das Bild des Blutes. Einerseits ist Blut für Jodorowsky Ausdruck der im Leben wirkenden Energie selbst und zugleich kündet Blut, dort wo es im Film so richtig schön sprudelt und spritzt, auch bereits wieder vom Tod. Das gleichzeitige und gleichberechtigte Vorhandensein solcher extremen Gegensätze ist es, was die besondere Faszination aber auch das Verstörende an "El Topo" und Jodorowskys weiteren großen Werken auszeichnet. John Lennon war von diesem abseitigen Midnight Movie jedenfalls derart begeistert, dass er Jodorowsky 1.000.000 Dollar zu Finanzierung seines nächsten Films gab. Hierbei übertraf sich der verrückte Chilene einmal mehr selbst und schuf das Meisterwerk "Montana Sacra – Der heilige Berg".

Fazit: Mit dem surrealen Western "El Topo" schuf Alejandro Jodorowsky ein ungemein bizarres, gewalttätiges und zugleich spirituelles Kunstwerk und einen der größten Kultfilme überhaupt.





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