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Kritik: Jonathan - ein Film von Piotr J. Lewandowski (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ein Vater-Sohn-Drama, eine Geschichte über Liebe und Leidenschaft, aber auch über das Sterben und Abschiednehmen: "Jonathan" von Regisseur und Drehbuchautor Piotr J. Lewandowski verbindet viele große Themen des Lebens und wirkt trotzdem ziemlich glaubhaft und realitätsnah. Der ruhige, sinnliche Film verfügt über komplexe, gut gezeichnete Charaktere und über starke Schauspieler. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, an dem das Leben vorbeizuziehen droht. Denn er sitzt, aus Zuneigung zu seinem krebskranken Vater, auf dem Bauernhof der Familie fest, der von den Zeitläuften längst abgehängt zu sein scheint. Auf unterschwellige Weise hält ihn auch die rätselhafte Verschlossenheit des Vaters gefangen, eine Bedrückung und Fremdheit, die dieser nie in Worte fasst. Doch dann bringt der nahende Tod des Vaters eine neue Dynamik in die Beziehung, befördert auch durch die Ankunft zweier weiterer Personen.

Vor allem erzählt das Drama von der Sterbebegleitung als einem Prozess, in dem alle Beteiligten einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt sind. Die Pflegerin Anka sagt, der Tod sei überwältigend, gibt Burghardt, der sich mit dem Sterben quält, aber auch den Rat, das Leben zuzulassen. So macht sie ihm, aber auch Jonathan Mut, sich nicht nur auf das Leid zu konzentrieren. Burghardt pendelt zwischen Klinik und Zuhause, die Erkenntnis, dass es keine längere Unbeschwertheit mehr geben wird, kerbt sich ein. Die Sinne geraten in Alarmbereitschaft, suchen in Äußerungen des Lebens und in menschlicher Nähe Trost. Die Kamera findet ausdrucksstarke atmosphärische Bilder, etwa wenn Jonathan und Anka nackt über die Wiese laufen, im Wald liegen. Oder wenn Burghardt ins Haus getragen wird und seine Hand die hohen Gräser streift, den Sommer en passant spürt. Zuweilen schießt der Film gerade mit Ankas Figur über das Ziel hinaus, dem Tod den Stachel zu nehmen, wenn sie banale oder flapsige Weisheiten von sich gibt. Aber die anderen Charaktere agieren differenziert und glaubhaft.

Jannis Niewöhner spielt Jonathan sehr spannungsgeladen als Figur mit zwei Gesichtern: Zum einen ist er ein selbstbewusster junger Mann, der flirten und scherzen kann, zum anderen wirkt er jedoch verletzlich und voller Wut, rebellisch wie ein James-Dean-Charakter. Das Familiengeheimnis jedoch, das eigentlich im Zentrum des Films stehen sollte, offenbart sich nur merkwürdig bruchstückhaft. Aber wahrscheinlich hätte noch mehr Drama auch nicht in diese eine Geschichte hineingepasst.

Fazit: In diesem atmosphärisch dichten Drama von Piotr J. Lewandowski tasten sich ein Sohn und sein sterbender Vater an ein Familiengeheimnis heran, das ihre Beziehung überschattet. Obwohl der sinnlich fotografierte Film mit seinen Themen Tod, Liebe, Leidenschaft und Schuld tendenziell überfrachtet ist, beeindrucken vor allem seine ruhige, emotional glaubhafte Schilderung des Abschiednehmens und Jannis Niewöhners spannungsgeladene Darstellung eines sensiblen Rebellen.





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