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Kritik: Neuland (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Ein neues Schuljahr beginnt an einer Baseler Integrationsschule für junge Migranten und die Schüler wirken noch sehr verloren, als sie zum Einstieg von ihrem Klassenlehrer Christian Zingg durch die Räume des Schulgebäudes geführt werden. Stumm sind die jungen Leute wohl nicht nur aus Verlegenheit, sondern auch weil sie zu Beginn des Dokumentarfilms kaum ein Wort Deutsch sprechen können. Im Verlauf der zwei Jahre, die die Regisseurin und Drehbuchautorin Anna Thommen die Klasse begleitet, soll sich das allerdings bald ändern: Nicht nur der Unterricht wird lebhafter, auch untereinander kommunizieren die Schüler aus der ganzen Welt bald angeregt miteinander, sie erzählen sich ihre Geschichten und verleihen ihren persönlichen Bedürfnissen und Wünschen immer selbstbewusster Ausdruck.

Ohne einen Kommentar aus dem Off oder allzu aufdringliche musikalische Untermalung beobachtet "Neuland" voller Neugier und Anteilnahme den schulischen Alltag seiner Protagonisten. Die Zurückhaltung, mit der sich Thommen ihrem Sujet nähert, lässt den jungen Menschen dabei Raum, von sich aus zu erzählen, und genau daraus bezieht der Dokumentarfilm seine große emotionale Kraft. Hier braucht es gar keine nach Rührseligkeiten schielende Dramaturgie oder nach menschlichen Tragödien bohrende Interviews – wenn die Albanerin Nazlije etwa im Rahmen einer Übung zum Thema "Lebenslauf" auf einem Zeitstrahl auf der Tafel notiert, wann in Jugoslawien der Krieg ausgebrochen oder ihre Mutter verstorben ist, hallen diese stillen, authentischen Momente noch lange nach.

Unaufgeregt und nüchtern blickt Thommen mit ihrem Film nicht bloß auf die Fortschritte, die die Schüler machen, sondern auch auf die zahlreichen Rückschläge, die sie hinnehmen müssen. Eine leise Kritik an der Schweizer Gesellschaft und ihrem Umgang mit Migranten lässt sich bei aller Zurückhaltung der Filmemacher dann doch immer wieder ausmachen. Aber auch hier wirkt Thommens Dokumentarfilm umso überzeugender und eindringlicher, je weniger er explizit ausformuliert.

Fazit: Mit großer Zurückhaltung und dennoch voller Neugier und Anteilnahme beobachtet die Filmemacherin Anna Thommen eine Integrationsklasse für junge Migranten. Das unkommentierte Erzählen und Erleben der Protagonisten entwickelt dabei eine große emotionale Kraft und gibt auch Anlass für Gesellschaftskritik.





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