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Kritik: My Stuff (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Selbstexperiment des jungen Finnen Petri Luukkainen passt gut in unsere Zeit. Immer mehr Menschen bereitet der materielle Überfluss Unbehagen und sie stellen die Konsumorientierung der Gesellschaft in Frage. Der 26-jährige Filmemacher sperrt alle seine Habseligkeiten in ein Self-Storage-Lager, aus dem er nach selbst auferlegter Regel ein Jahr lang nur einen Gegenstand pro Tag herausholen darf. Dieses Experiment soll ihm aber nicht nur Klarheit über die tatsächliche Bedeutung materieller Dinge verschaffen, sondern viel allgemeiner, über die wahren Werte im Leben. Der unterhaltsame, humorvolle Dokumentarfilm hat einen hohen Identifikationswert und lässt die Zuschauer auf lebendige Weise an der Orientierungssuche eines jungen Erwachsenen teilnehmen.
Luukkainen ist ehrlich genug, um seine Motivation auf eine moralische Krise, hervorgerufen durch die Trennung von einer Frau, zurückzuführen. So gesehen erweist sich das Experiment als geschickte Selbsthilfemaßnahme. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf praktische Aufgaben. Luukkainens Abenteuer beginnt nicht mit dem Packen eines Rucksacks für einen Trip in die Wildnis, sondern in einer leer geräumten Wohnung im Winter von Helsinki. Nachts schläft er auf dem Boden. Als er nach sieben Tagen seine Matratze aus dem Lager zurückholt, genießt er die neue Lebensqualität in vollen Zügen.

Die Chronologie des einjährigen Experiments wird vor allem anfangs gelegentlich unterbrochen von kleinen Rückblenden. Atmosphärisch sorgen die seelischen Höhen und Tiefen des Protagonisten für Auflockerung, so dass der Versuch nicht schematisch wirkt. Vielmehr geht er in die Tiefe und ist an der Seite seines Protagonisten, dem man emotional näher kommt, immer wieder für Überraschungen gut. Einen spannenden Twist bekommt die Geschichte, als sich Luukkainen mit einer jungen Frau zu einer Fahrradtour verabredet. Als Maßstab für den Countdown der Tage dient nun die verbleibende Zeit bis zum Date. Denn die Aufregung des Protagonisten spiegelt sich witzigerweise im Materiellen: Ein geklautes Fahrrad, ein kaputtes Abflussrohr könnten verhindern, dass es mit der Liebe klappt!
Im Laufe dieses unterhaltsamen Films gibt es Momente schwermütiger finnischer Sensibilität, dann wieder wirkt die jugendliche Aufbruchstimmung ansteckend. Jazzmusik von Timo Lassy und abwechslungsreiche Außenaufnahmen in Helsinki und auf dem Land im Wandel der Jahreszeiten komplettieren diesen frischen, anregenden Dokumentarfilm.

Fazit: In einem humorvollen und aufschlussreichen Selbstexperiment erforscht der finnische Dokumentarfilmer Petri Luukkainen, wie es ist, eine Weile ohne Socken, Handy und die unzähligen anderen Gebrauchsgegenstände des Alltags auszukommen.





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