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Kritik: German Angst (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"German Angst" ist ein mit Hilfe von Croudfounding und privaten Investoren komplett unabhängig produzierter Horrorfilm, der erst beim zweiten Ablauf ungekürzt das FSK-18-Siegel bekam. Auch inhaltlich zeugt die Zusammenstellung von dem unbedingten Willen der Filmemacher in Deutschland einen kompromisslosen Genrefilm zu verwirklichen, der sich nicht dem Diktat der hierzulande üblichen Fernseh-Primetime-Kompatibilität unterwirft. Ebenso wichtig war das Anliegen einen Horrorfilm zu kreieren, der nicht nur erfolgreiche amerikanische Genre-Muster auf deutsche Verhältnisse überträgt, sondern der etwas originär Deutsches zu bieten hat. Der im angelsächsischen Raum gebräuchliche abfällige Begriff "German Angst" für eine spezifisch deutsche Ängstlichkeit, wird hier also ins Positive verkehrt, im Sinne von "auch die Deutschen können so richtig Angst machen!"

Diese beiden eheren Ziele erreichen tatsächlich alle drei Episoden von "German Angst", allerdings mit jeweils unterschiedlichem Erfolg. Jörg Buttgereit ist mit "Final Girl" eine makellose Miniatur gelungen. Im Gegensatz zu seinen wilden Anfängen wie "Nekromantic" (1987) ist "Final Girl" sehr konzentriert und zurückgenommen. Mit einem feinen Sinn für Details, der sich in extremen Close-Ups und einem hyperrealistischen Sounddesign zeigt, holt Buttgereit das Maximale aus einem minimalen Setting heraus. Das Verstörende drängt sich nicht gleich auf, sondern muss längere Zeit durch genaues Zusehen und Zuhören vom Kinogänger selbst entdeckt werden muss. - Das sich langsam herauskristallisierende Thema Kindesmissbrauch ist allerdings kein spezifisch deutsches Phänomen.

Das größte deutsche Trauma des gesamten letzten Jahrhunderts hat hingegen der gebürtige Pole Michal Kosakowski in seinem Beitrag "Make a Wish" thematisiert. Angehörige der SS die in Polen wahllos Tod und Terror verbreiten erinnern uns nicht nur äußerst unangenehm an das Unrechtsregime im Dritten Reich, sondern auch an den Beginn des Zweiten Weltkriegs durch den Einmarsch in Polen. Die in der Gegenwart in Berlin angesiedelte Haupthandlung von "Make a Wish" illustriert zudem auf drastische Weise, dass Rechtsradikale auch in der deutschen Gegenwart eine zu oft unter den Teppich gekehrte Gefahr darstellen. Das wichtige, gesellschaftsrelevante Anliegen garantiert jedoch noch keinen gelungenen Film. Kosakowskis Beitrag wirkt etwas unausgereift und sehr gewollt. Die Charaktere sind flach und die Frau unter den Neo-Nazis missfällt aufgrund ihres konstanten Overactings. "Make a Wish" fällt im Vergleich zu "Final Girl" und "Alraune" ähnlich ab, wie bereits Kosakowskis Dokumentarfilm-Debüt "Zero Killed" im Vergleich zu dem thematisch verwandten "The Act of Killing" abgefallen war.

Mit Andreas Marshalls "Alraune" schließt "German Angst" mit einem Höhepunkt ab. Dem Regisseur zufolge war sein Film die erste Idee zum Projekt. In jedem Fall ist "Alraune" die Sequenz, die der Grundidee von "German Angst" als einziges vollständig gerecht wird. Marshall sagt, dass er mit seinem Film an die Zeit des Deutschen Expressionismus anschließen wollte, also die Zeit, in welcher der Deutsche Film (vor der Machtergreifung durch die Nazis) weltweit Maßstäbe setzte. Tatsächlich gab es zwischen 1918 bis 1952 bereits fünf Filme, die den Namen des geheimnisvollen Nachtschattengewächses zum Titel hatten. Marshall bezieht sich jedoch explizit auf die frühen Horrorfilme aus der Stummfilmzeit.

Das bedeutet jedoch nicht, dass "Alraune" sich wie so mancher andere Film wie beispielsweise "The Artist" im zur Zeit modischen Retro-Look suhlt. Marshall greift lediglich die aus alten deutschsprachigen Horrorfilmen bekannte Thematik auf um einen Film zu kreieren, der eindeutig in der deutigen Gegenwart verortet ist. "Alraune" ist selbst ein durch das magische Gewächs induzierter Traum, voller Lust und Leiden, voller Sexualität und Gewalt. Rüdiger Kohlbrodt erschafft in seiner Rolle als dekadenter Clubbesitzer Petrus einen spezifisch deutschen Typus von Film-Bösewicht, wie man ihn seit Peter Lorre und Udo Kier liebt. Bereits mit seinem Horrorfilm "Tears of Kali" (2004) und seinem Neo-Giallo "Masks" (2012) hatte Andreas Marshall sein inszenatorisches Talent erkennen lassen. Allerdings merkte man beiden Filmen auch stark ihr begrenztes Budget an. In "Alraune" gelingt es dem Regisseur jedoch trotz der erneut begrenzten finanziellen Mittel das Ergebnis absolut nicht danach aussehen zu lassen. - Sollte es demnächst noch mehr so gute deutsche Genrefilme geben, sollte Hollywood sich langsam in acht nehmen vor der "German Angst".

Fazit: "German Angst" ist eine insgesamte sehr gelungene deutsche Horror-Anthologie, bei der immerhin zwei von drei Filmen restlos überzeugen können.





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