VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Die letzte Sau (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Regisseur Aron Lehmann ("Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel") hat in seiner Heimatregion im bayerischen Nordschwaben, dem Nördlinger Ries, eine fidele Komödie gedreht, in der ordentlich geschwäbelt wird. Das heißt, falls der Bauer Huber überhaupt einmal den Mund aufmacht. Eigentlich üben die Abenteuer dieses modernen Robin Hood bittere Sozialkritik am gnadenlosen Kapitalismus und einer industriellen Landwirtschaft, die Kleinbauern in den Ruin treibt. Aber dieser Ernst wird auf Schritt und Tritt mit köstlicher Komik versetzt. Lehmanns satirische Ballade besingt nicht nur die schlimmen Zustände, sondern augenzwinkernd auch das filmische Outlaw-Genre mit seinem Hang zum Fatalismus.

Huber hat nichts zu verlieren und auch der Blick des Regisseurs auf diesen Charakter kalkuliert seinen Hang zum Scheitern ironisch mit ein. Diesem stillen Menschen mit seiner Sau, die zu seinem zufriedenen Kompagnon wird, fliegen die Sympathien wie von selbst zu. Die Geschichte ist wunderbar inspiriert, weil sie ihre Fundstücke, die einen hohen Wiedererkennungswert haben, aus so vielen Bereichen nimmt und originell, humorvoll umformt. Zum Beispiel, wenn sich Huber in den wilden Rebellen verwandelt, sein Gesicht mit Kohle beschmiert und um das Feuer im Wald wie ein Räuber aus früheren Zeiten tanzt. Wie er dabei sein neues Image spielerisch ausprobiert, ist auf lustige Weise menschlich geerdet, und wirkt nicht wie so oft in deutschen Filmen als peinlich aufgesetzter Drehbucheinfall. In solchen Momenten wird der Film zum Märchen, aber zu einem, das sichtbar macht, wie wenig sich das menschliche Erleben in der schnöden normalen Außenwelt überhaupt manifestieren kann. Immer wieder verblüfft diese traumwandlerische Sicherheit, mit der der Film zwischen lauter Klischees über tumbes Bauerntum und provinzielle Deftigkeit navigiert, ohne selbst geschmacklos zu werden. Sie macht ihn zu einer dieser impulsgebenden neuen Heimatkomödien, die etwas erschaffen, statt nur zu reproduzieren.

Die Dialoge haben oft diese demaskierende Kraft, die auch die Komödien von Dietrich Brüggemann auszeichnet. Die Schauspieler, vor allem Golo Euler, aber auch Rosalie Thomass und die anderen, spielen ihre so stimmig gezeichneten Figuren mit heiligem und zugleich rührend hilflosem Ernst. Hubers Subjektivität wird auch zur Richtschnur für die stilistische Inszenierung, die mit der Musik der "Ton Steine Scherben" und dem süffisanten, von Herbert Knaup gesprochenen Voice-Over-Kommentar markante Reize bietet.

Fazit: Die fidele Heimatkomödie von Aron Lehmann schildert die Verwandlung eines ruinierten Kleinbauern in einen anarchischen Widerstandshelden aus dem Volk voller Bewunderung für filmische Outlaws. Satirischer Dialogwitz, Slapstick und pointierte humorvolle Brechungen balancieren den kritischen Weckruf gegen Massentierhaltung und den kapitalistischen Würgegriff aus, ohne ihn zu verwässern. Ein so originelles, im Tonfall stimmiges Roadmovie hat Seltenheitswert.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.