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Wild
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Kritik: Wild (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wie außergewöhnlich dieses Drama der deutschen Regisseurin Nicolette Krebitz ("Das Herz ist ein dunkler Wald") ist, beweist schon die Tatsache, dass es auf dem Sundance Film Festival 2016 zu sehen war. Die Geschichte eines jungen weiblichen Underdogs, der sich mit einem Wolf anfreundet, probt den Ausbruch aus der Zivilisation, die schrittweise Verwandlung einer geduckten Angestellten in ein freies Wesen, ganz radikal. Das filmische Gedankenexperiment führt unmögliche Gegensätze, wie einen Wolf und ein Hochhausapartment, kühle Anonymität und Sehnsucht nach Berührung, auf sinnliche Weise zusammen.

Die blasse Ania signalisiert schon durch ihr ärmliches Äußeres und ihre scheue Unauffälligkeit, dass sie sich als eine Figur am Rande der Gesellschaft begreift. Ihr einsames Leben im Wohnblock am Stadtrand und im Büro vor ihrem Computer strengt sie an. Dass sie es nicht aufrechterhalten wird, erscheint wahrscheinlicher, als dass sie Karriere macht, aufblüht, eine glückliche Familie gründet. Ihre Existenz ist von einem Mangel überschattet, zum Beispiel an Liebe: Wenn sie den Großvater im Krankenhaus besucht, gibt es keinen echten Kontakt. Auch im Büro bewegt sie sich nicht auf sicherem Terrain, sondern eilt beflissen und unterwürfig zum Chef, der einen Tennisball gegen die Wand wirft, wenn sie kommen soll.

Aber Ania entdeckt ihr wahres Ich und zeigt es immer offener: Sie erscheint eines Tages mit Kratzwunden im Gesicht, ungekämmten Haaren, nackten Beinen und in einen zerfetzten Wintermantel gehüllt im Büro. Und siehe da, der Chef will auf keinen Fall, dass sie geht. Die erotische Anziehung, die schon länger schwelt, bricht durch, aber die Hierarchie zwischen Mann und Frau ist so gut eingespielt, dass es einen konstruktiven Wandel nicht geben kann. Wenn in diesem Film Mauern eingerissen werden, dann nur, um Räume unbewohnbar zu machen. Ania fürchtet das Kaputtmachen nicht, denn dieser Prozess verweist auf ihre brachliegende Kraft und Echtheit. Ihre Stimme ist zum Wolfsgeheul befähigt, das die unzensierte Antwort auf das so lange praktizierte Wohlverhalten zum eigenen Nachteil gibt. Oft mutet die Geschichte artifiziell an, fast als wäre sie auf dem Mond gedreht. Zum Beispiel, wenn sich Ania dem schon etwas gezähmten Wolf mit Namen vorstellt und ihm beim Frühstück in der Küche erklärt, dass sie die Eier ohne Schale isst. Ihre innere Metamorphose setzt eine animalische, erotisch gefärbte Kraft frei, die einen stark in ihren Bann schlägt, gerade weil sie sich nicht mehr bändigen lässt.

Fazit: Eine einsame junge Frau holt sich einen lebendigen Wolf in ihre Hochhauswohnung und entdeckt ihre ungezähmte Seite. Ihren radikalen, libidinös gefärbten Ausbruch aus einer verlogenen Zivilisation inszeniert Regisseurin Nicolette Krebitz als packendes Gedankenexperiment, das sich nicht von Überlegungen zu Plausibilität und Realismus einschränken lässt.





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