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Mein Praktikum in Kanada
Mein Praktikum in Kanada
© Arsenal

Kritik: Mein Praktikum in Kanada (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Es gibt kein besseres politisches System als die Demokratie, aber in der Praxis beschert sie einem redlichen Parlamentarier oft nur Mühsal und Frust. Da muss schon ein jungdynamischer Politikinteressent aus Haiti nach Kanada kommen, um den ratlosen Volksvertretern ein wenig Idealismus à la Rousseau beizubringen. Das ereignisreiche Praktikum von Souverain Pascal im Norden Quebecs gerät zur satirischen Lehrstunde über Interessenkonflikte und die Kunst des Sich-Arrangierens. Der frankokanadische Regisseur Philippe Falardeau ("Monsieur Lazhar") überrascht mit einer einfallsreichen, gut aufgelegten Geschichte, die er mit viel trockenem Humor serviert.

Guibord ist eigentlich viel zu gutmütig und lösungsorientiert, um sich für Parteipolitik zu eignen. Aus diesem Grund schied er aus der Fraktion der Liberalen aus. Dennoch bemüht er sich, für die Menschen in seinem Wahlkreis einzustehen. Um zur Regierung nach Ottawa zu gelangen, muss er viele Stunden mit dem Auto fahren. Das ist der zweite Aspekt, der Guibords Abenteuer wie hartnäckig klebendes Kaugummi begleitet: Der Mann hat etwas von einem Loser, oder wie soll man jemanden bezeichnen, der in einem Flächenstaat wie Kanada aus Angst in kein Flugzeug steigt? Die Inszenierung spielt gerne mit Slapstick und physischer Comedy, zum Beispiel in der herrlichen Szene, wenn Guibord im Haus des Premiers sitzt und mit krümeligem Gebäck kämpft.

Patrick Huard, bekannt aus "Starbuck", und Irdens Exantus als Haitianer, der von der Demokratie in den höchsten Tönen schwärmt, bilden ein gut funktionierendes komödiantisches Gespann. Denn der Lehrling wird oft genug zum passionierten Mentor, der nicht nur gegenüber dem lokalen Bürgermeister einen soliden Bildungsvorsprung hat. Ein besonders gelungener Einfall ist Souverains regelmäßiger Vortrag per Skype, in dem er seinen Leuten daheim Demokratie-Unterricht am praktischen Beispiel erteilt. Seine Interpretationen sind so luzide wie satirisch entlarvend und Guibord avanciert in Port-au-Prince zum Helden.

Warum funktioniert das mit der praktischen Demokratie nicht besser? Warum versuchen die Menschen, Guibord mit ihren Spezialinteressen auszubremsen? Eine eigene Meinung zu vertreten, ist gefährlich, wenn schon die Ehefrau und die Tochter nicht auf einer Linie liegen. So absolviert Guibord selbst einen amüsanten politischen Schnellkurs, bei dem es nicht um Erleuchtung geht. Obwohl der Film auch einige Längen hat, trägt ihn sein anfänglicher Schwung doch weit und neue Verwicklungen halten die Unterhaltung reizvoll am Köcheln.

Fazit: Die frankokanadische Komödie von Philippe Falardeau nimmt sich mit trockenem Humor und satirischem Biss der Frage an, warum die Demokratie aus der Sicht eines Wahlkreisabgeordneten so schwer zu praktizieren ist. Darauf findet sein theoretisch bewanderter Praktikant aus Haiti lustige Antworten mit Hintersinn. Die geistreichen Einfälle und der ketzerische Tonfall heben den Gute-Laune-Film über den Durchschnitt hinaus.





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