VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Mustang (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Mustang" ist der erste Langfilm der Regisseurin Deniz Gamze Ergüven und zugleich der diesjährige französische Kandidat für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Dies mutet ungewöhnlich an und erscheint doch folgerichtig, sobald man das Drama der 1978 in Ankara geborenen Filmemacherin gesehen hat. Den anfänglichen "Skandal am Strand" hat die in der Türkei aufgewachsene Ergüven selbst in ihrer Jugend erlebt. Offensichtlich hat sie jedoch trotzdem kein Ende als zwangsverheiratete bildungsferne Ehefrau gefunden, sondern hat erst in Kapstadt Literatur und afrikanische Geschichte und später in Paris Film studiert. All diese Einflüsse vereinen sich in "Mustang" zu einer einzigartigen Melange von großem Zauber. Mühelos verwebt Ergüven die erdrückende Schwere des gesellschaftlichen Umfeldes mit der sommerlichen Schönheit der Landschaft und der vitalen Lebensfreude der fünf Schwestern. Jene treten wie eine unbändige Herde von Wildpferden auf, die sich den groben Versuchen, sie zwangsweise zu domestizieren mit all ihrer jugendlichen Kraft entgegenstellen. Treffend deshalb der Titel "Mustang".

Als die fünf Schwestern von dem Verrat der Nachbarin erfahren, stellen sie die Frau umgehend zur Rede und fragen, ob "ihre hässliche kackbraune Kleidung" sie etwa zur moralischen Instanz mache. Wenig später müssen die Schwestern selbst solche kackbraunen Säcke tragen. Doch in einem Akt der Rebellion reißen sie sich diese in ihrem vergitterten Zimmer tanzend vom Leibe. Diese Lebensfreude trotz der Umstände ist umso beeindruckender, wenn man näher mit bekommt, was ihr Kerkermeister nachts so treibt...

Es ist nur unzureichend mit Worten vermittelbar, was den besonderen Reiz von "Mustang" ausmacht. Das stringente Drehbuch und die poetische Inszenierung von Ergüven, die Ausstrahlung und Spielfreude der Darstellerinnen der Schwestern, die lichtdurchfluteten Bilder von David Chzallet und Ersin Gok und der atmosphärische Soundtrack von Warren Ellis ("Lawless") verbinden sich zu etwas größerem Ganzen, das voller Magie ist und das den Oscar in greifbare Nähe rücken lässt. "Mustang" ist mehr als die Summe seiner Teile, deshalb versperrt eine eingehende Analyse in diesem Falle nur den Blick auf die Größe des hier Geschaffenen. Ergüven gelingt es mit ihrem Debütfilm mit großem Charme eine kleine Geschichte zu erzählen, die immerzu am Rande des Märchenhaften balanciert und die sich zugleich mühelos in die höheren Gefilde einer allgemeingültigen Parabel von zeitloser Kraft aufschwingt.

Fazit: Die in der Türkei spielende Coming-of-Age-Geschichte "Mustang" ist zutiefst traurig und zugleich von unbändigem Optimismus, von erdrückender Schwere und von spielerischer Leichtigkeit, eine kleine Geschichte, die Großes vollbringt.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.