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Kritik: Paula (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Regisseur Christian Schwochow hat für sein Porträt der deutschen Malerin Paula Modersohn-Becker sehr sinnliche Bilder gefunden. Sie tauchen in die ländliche Abgeschiedenheit der Künstlerkolonie Worpswede ein und in den flirrenden Trubel der Pariser Boheme. An beiden Orten spüren sie dem Geist der Jahrhundertwende nach. Die Gesellschaft steht vor großen Umwälzungen, doch den Frauen sind in ihrer Selbstentfaltung nach wie vor enge Grenzen gesetzt. Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen darf Paula Becker nicht Kunst studieren. Als sie später ohne ihren Mann Otto Modersohn nach Paris geht, drängen ihn seine Worpsweder Kollegen, sie entweder freizugeben oder ins Irrenhaus stecken zu lassen. In Paris aber bringt Paula Modersohn-Becker ihre frühexpressionistische Malerei zur Blüte. Das einfühlsame Drama erstreckt sich über einen Zeitraum von sieben Jahren bis zum frühen Tod der Künstlerin im Alter von 31 Jahren.

Der Dichter Rainer Maria Rilke (Joel Basman) hat nur Spott übrig für die "deutsche Kleingartenkunst" von Worpswede. In Paris ermuntert er Paula, die einen ganz anderen, individuellen Stil pflegt, ihre Werke zu verkaufen. Doch Paula scheut davor zurück: Sie glaubt offenbar nicht mehr an ihre öffentliche Anerkennung, nach der Missbilligung, die sie in Worpswede erfuhr. In Paris ist man da schon etwas weiter, dort geht gerade der Stern des ebenfalls lange geächteten Paul Cézanne auf. Die verschiedenen Künstlercharaktere – Paula, Otto, der exzentrische Rilke, der gockelhafte Mackensen – symbolisieren die dynamische Vielfalt der Epoche. Paulas Ausbruch nach Paris ist auch eine Reaktion darauf, dass der konservative Otto ihrer Arbeit nicht die nötige Anerkennung zollt.

Das ganze Porträt kreist um die schwierige Liebesbeziehung des Künstlerpaars. So grundverschieden Paula und Otto auch sind, sie hängen aneinander. Aber sie müssen lange an ihrer Einstellung arbeiten. Mit Otto, diesem wortkargen und zurückhaltenden Charakter, geht der Film respektvoll um. Wie sehr die heutige Sichtweise die Geschichte bestimmt, zeigt sich hingegen am deutlichsten in Carla Juris Darstellung der Paula. Diese Filmfigur ist spontan, fröhlich, frech, wirkt mit ihrer Art aber nicht mehr in der Vergangenheit, als in der Gegenwart verankert. Trotz dieser tendenziellen Oberflächlichkeit vermag es der Film, empathisch und spannend zu erzählen und mit seinen stimmungsvollen Aufnahmen – vor allem in der Landschaft von Worpswede - zu betören.

Fazit: Regisseur Christian Schwochow vertieft sich einfühlsam in das kurze Leben der Malerin Paula Modersohn-Becker und ihre schwierige Ehe mit Otto Modersohn. So entsteht ein spannendes, deutlich aus heutiger Sicht gezeichnetes Porträt einer künstlerischen und persönlichen Emanzipation. Die lebensfrohe Stimmung der Jahrhundertwende spiegelt sich auch in der Sinnlichkeit der Aufnahmen, die die Kamera in der Landschaft von Worpswede findet.





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