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Wintergast
Wintergast
© dejavu filmverleih

Kritik: Wintergast (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit 39 Jahren fängt das Leben nicht mehr richtig an und bis zur Rente ist es noch weit. In diesem Dilemma befindet sich der Held der schweizerischen Tragikomödie "Wintergast", bei der der Hauptdarsteller Andy Herzog gemeinsam mit seinem Co-Autor Matthias Günter Regie führte. Diese Geschichte eines melancholischen Verlierers, der unterwegs Bilanz ziehen muss, erinnert im Ton und in seinem Schwarz-Weiß-Format an Jan-Ole Gersters "Oh Boy" von 2012. Dort streifte ein noch junger Studienabbrecher planlos durch Berlin, hier aber handelt es sich um einen Mann, für den es allmählich ernst wird: In einem Alter, in dem andere arriviert genug sind, um eine Familie zu gründen, hält der Möchtegern-Filmemacher seine Produzentin, die seit Jahren auf sein Treatment wartet, mit schülerhaften Ausreden hin. Das Roadmovie gibt sich der Tristesse, die Stefan erfasst, mutig hin und erkennt dabei mit untrüglichem Gespür ihre Nähe zur Komik.

Andy Herzog muss nicht viel spielen, es reicht, wenn er als Stefan Keller mild irritiert und missmutig aus der Wäsche schaut. Der Protagonist ist ein Fremder in der Welt, die sich ihm wie ein falscher Film präsentiert, und dadurch wirkt er praktisch permanent lustig. Ob er nun im Speisesaal einer Jugendherberge oder im Bus auf dem Weg zur nächsten sitzt, stets erscheint ihm die Umgebung als sinnfrei und wunderlich. Was er in seinem Job tun muss, nämlich unter anderem mit Handschuhen unters Bett fassen, um die Staubmenge zu prüfen, wirkt in diesem Zusammenhang natürlich auch leicht skurril. Manchmal begegnet er unterwegs Menschen, die ihn für eine Weile unterhalten und ihm dabei wiederholt Münchhausen-Geschichten oder kleinere Aufschneidereien servieren. Auch daraus wird er nicht klug, vor allem lassen sich die sympathischeren Kontakte nicht vertiefen. Die Produzentin setzt ihn telefonisch unter Druck: Sie will endlich und ultimativ das Treatment sehen, von dem es aber bisher nur zweieinhalb Sätze gibt. Aber Stefan Keller ist geübt im Aufschieben.

Die Kontrastierung des latenten oder offenen Selbstmitleids, das den Helden erfasst, mit einer Umgebung, die sich besonders auf Reisen als äußerst indifferent darstellt, wirkt sehr unterhaltsam. Stefan Keller ist zugleich eine komische Figur und jemand, der stark zum Identifizieren einlädt. Das Schweizerdeutsch, das die Menschen sprechen, wird hochdeutsch untertitelt, so dass weder die Atmosphäre, noch das Verständnis beeinträchtigt sind. Ein vergnüglicher Film mit treffsicherer Komik, die nicht laut, sondern indirekt und in Melancholie gekleidet daherkommt.

Fazit: Die verhaltene, aber treffsichere Tragikomödie aus der Schweiz überzeugt mit ihrem gut gespielten Antihelden, der sich auf einer Reise als Tester von Jugendherbergen den eigenen Lebenslügen stellen muss. Dabei werden authentische und skurrile Eindrücke zu einer reizvollen und vielsagenden Atmosphäre verwoben.






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