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Kritik: Gestrandet (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Was passiert, wenn es Flüchtlinge aus einem anderen Kontinent in ein kleines Dorf in Deutschland verschlägt? Der Dokumentarfilm von Lisei Caspers wurde bereits gedreht, bevor der Zustrom der Flüchtlinge Europa im vergangenen Jahr in eine Krise stürzte, die die Gemüter erhitzt und an der die Politik immer noch laboriert. Aber er zeigt exemplarisch auf, was Willkommenskultur und Integration konkret bedeuten können und an welche Grenzen die guten Absichten stoßen. Besonders die Dauer des Asylverfahrens kristallisiert sich als ein Missstand heraus, der im Alltag vor Ort erhebliche Probleme schafft.

Die Eritreer haben schreckliche Dinge erlebt. Aber in Strackholt sind sie voller Elan, nehmen Helmuts Deutschunterricht dankbar an und auch den Ein-Euro-Job, den ihnen Christiane vermittelt. In dieser monatelangen Zeit des Wartens kümmert sich offiziell niemand um ihre Belange, die über Unterkunft und Verpflegung hinausgehen. Christiane und Helmut sind die einzigen Kontaktpersonen, die das persönliche Gespräch suchen, die Fremden nach ihren Nöten und Wünschen fragen, Ideen entwickeln, wie man sie in das Dorfleben einbinden könnte. Die fünf Eritreer hoffen, wie aus ihren Statements und den gelegentlich untertitelten Gesprächen untereinander ersichtlich wird, dass sie bald Geld verdienen können. Einige wollen ihre Familien nachkommen lassen. Im Laufe der nächsten Monate aber tut sich amtlich nichts und die Männer erkennen, dass ihre Hoffnungen überzogen waren. Sie verstehen ihre Lage nicht so recht, reagieren deprimiert, ziehen sich zurück. Christiane leidet mit ihnen, findet die Warterei empörend, Helmut hingegen macht seiner Enttäuschung darüber Luft, dass die Eritreer für das Deutschlernen keine richtige Motivation mehr aufbringen. Osman aber würde sie auch wenig nützen, denn er bräuchte einen Lehrer für Gebärdensprache.

So erweist sich die Sprachbarriere im Verlauf dieses Jahres als ein Hindernis, das nicht wirklich beseitigt wird. Um ihre inneren Konflikte auszudrücken, fehlen den fünf Männern die Worte. Die Bedrückung äußert sich oft nur im Stillen. Wie beschwerlich der Neuanfang werden könnte, darüber haben sich die fünf Männer offenbar nicht viele Gedanken gemacht. Auch das erschwert ihre Integration, nicht nur die langsamen Mühlen der Bürokratie und die Einsamkeit auf dem flachen Land. Vor allem sein differenzierter Blicks auf die Realität empfiehlt den Film als interessanten Beitrag zur Flüchtlingsdebatte.

Fazit: Der Dokumentarfilm begleitet fünf Asylbewerber und ihre beiden ehrenamtlichen Helfer durch den Alltag in einem ostfriesischen Dorf. Während des quälend langen Wartens auf die amtliche Anerkennung verwandelt sich die anfängliche Zuversicht der Protagonisten zunehmend in Resignation. Indem er diesen Prozess differenziert beobachtet, aber nicht wertet, liefert der Film einen interessanten Beitrag zur aktuellen Diskussion über Integration und Willkommenskultur.





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