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Kritik: Sonita (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Spannend wie ein Drama, aber wahr: Während dieser Dokumentarfilm über die junge afghanische Rapperin Sonita in Teheran gedreht wird, will ihre Familie sie plötzlich zwangsverheiraten. Die 18-Jährige soll den Angehörigen Tausende Dollar einbringen. Sonitas Mutter lässt keinen Zweifel daran, dass sich die Tochter der Tradition beugen muss. Wenn sie nicht freiwillig nach Afghanistan zurückkehrt, werden ihre Brüder sie holen, sagt die Mutter. "Willst du mich nicht kaufen?", fragt die verzweifelte junge Frau die iranische Regisseurin Rokhsareh Ghaem Maghami. Nach eingehender Beratung beschließt das Filmteam, Sonita zu helfen und die reine Beobachterposition aufzugeben. Der Traum der Jugendlichen, Rapperin zu werden, gerät zum nervenaufreibenden Wettlauf gegen die Zeit. Für diesen Film, in dem die Realität auf so unerwartete Weise die Regie übernahm, gab es auf dem Sundance Film Festival 2016 den Großen Preis der Jury und den Publikumspreis.

"Wer am meisten zahlt, bekommt mich als Frau", singt Sonita in dem Rap-Video, das den Höhepunkt des Films darstellt: Sie hat sich einen Strichcode auf die Stirn unter dem weißen Brautschleier gezeichnet, ein blaues Auge gemalt und aus ihrem Mund quillt Blut. Sonita richtet ihre öffentlichen Worte voller Empörung gegen die Eltern und die afghanische Tradition, Mädchen schon im Kindesalter an fremde, heiratswillige Männer zu verkaufen. Ihr Video kommt ins Internet und ihre Familie in Afghanistan sieht es selbstverständlich auch: Die kleinen Nichten und Neffen rappen den Text auswendig nach – so entsteht ein kritisches Bewusstsein. Der Film überrascht mit solchen starken, aussagekräftigen Szenen, die direkt aus dem Leben gegriffen sind. Im Gespräch, das Sonitas Mutter mit einer Sozialpädagogin führt, vertritt sie ihre traditionelle Position mit brutaler Ehrlichkeit. Für 2000 Dollar würde sie der Tochter lediglich einen zeitlichen Aufschub gewähren. Sonita selbst wird während der Ereignisse erst allmählich bewusst, wie ihre Familie denkt. Rappen ist nicht mehr nur der Traum einer Teenagerin im Exil, sondern ihr einziger Hoffnungsschimmer, sich ein selbstbestimmtes Leben leisten zu können.

Sonitas Texte sind erstaunlich prägnant und unbestechlich, ihr Optimismus bewundernswert. Sie hat nicht nur Schlimmes erlebt, sondern steht auch jetzt wieder mit dem Rücken zur Wand, aber dabei scheinen ihr geradezu Flügel zu wachsen. Ein wirklich außergewöhnlicher Film, in dem auch der Rap wieder einmal seinem Ruf gerecht wird, von echter Wut und Not zu erzählen.

Fazit: Der Dokumentarfilm über eine afghanische Jugendliche im iranischen Exil, die von einer Rap-Karriere träumt, wird jäh von der bitteren Realität eingeholt, als die Protagonistin zwangsverheiratet werden soll. So entwickelt dieses Porträt einer sozial und kulturell benachteiligten jungen Frau eine unvorhergesehene dramatische Spannung und eine hohe Aussagekraft.










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