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Café Belgica
Café Belgica
© Pandora Film

Kritik: Café Belgica (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der belgische Regisseur Felix van Groeningen ("The Broken Circle") erzählt die Geschichte zweier Brüder, die eine Bar mit Live-Musik betreiben, als permanente Gratwanderung zwischen Partyrausch und den Problemen, die weder im Geschäft noch auf persönlicher Ebene ausbleiben. Der Filmemacher ließ sich von dem realen "Café Charlatan" in der Altstadt von Gent inspirieren, in dem er selbst, als es noch seinem Vater gehörte, an der Theke aushalf. Das von viel Musik und hypnotischen Tanz- und Feierszenen geprägte Drama gewann auf dem Sundance Filmfestival 2016 den Regiepreis für den besten internationalen Film.

Die beiden Brüder sind sehr verschieden: Jo, der jüngere, wirkt besonnen und überlegt. Frank, der Draufgänger, handelt immer impulsiv. Beide verbindet die Erinnerung an einen lieblosen Vater und der Wunsch, sich mit der Kneipe einen Traum zu verwirklichen. Der Elan der Brüder steckt auch die Mitarbeiter an und die Musiker, die auf der Bühne stehen. Obwohl die beiden eine Menge Hürden aus dem Weg räumen und sich der Laden zu einem Publikumsmagneten entwickelt, stößt ihr Idealismus an Grenzen. Sie dachten, sie könnten auf Türsteher verzichten, die die Gäste vorsortieren. Sie dachten, sie könnten sich mit Drogen und Sex bedienen, ohne dass es böses Blut gibt. Sie dachten, sie würden sich immer wieder zusammenraufen, weil sie Brüder sind. Und dann müssen sie erkennen, dass es so doch nicht geht. Tom Vermeir und Stef Aerts spielen die beiden Männer sehr intensiv und statten sie mit beeindruckender Präsenz aus. Frank und Jo wirken wie dokumentarisch beobachtete, aus dem echten Leben gegriffene Charaktere.

Überhaupt legt die Inszenierung Wert auf die genaue Abbildung des Echten, auf Gefühle, Stimmungen, Milieus mit einem hohen Wiedererkennungswert. Die Bar entwickelt sich zu einer rettenden Insel in einer relativ tristen Gegenwart. Wenn die Menge dort im Rhythmus der Live-Musik wogt, sprengt die pure Lebensfreude alle Fesseln. Entsprechend detailliert und häufig nimmt die Kamera die Feierstimmung ins Visier, begleitet von der Musik, die hauptsächlich von der Band "Soulwax" stammt. Die ansteckende Stimmung und der Realismus der Figuren und ihrer Dialoge heben den Film über den Durchschnitt hinaus. Aber auch aufgrund der Zeit, die sich der 126-minütige Streifen nimmt, entsteht immer wieder der Eindruck, wie durch ein Guckloch einfach dem Leben zuzuschauen – ohne dass es deswegen gleich eine Geschichte hergibt.

Fazit: Mit seinem Drama über zwei Brüder, die eine Musikbar betreiben, setzt der belgische Regisseur Felix van Groeningen dem von Sex, Drugs and Rock'n'Roll bestimmten Lebensgefühl ein Denkmal. Inspiriert von einem Lokal in der Altstadt von Gent, fängt der Film mit ungeheurer Intensität die Atmosphäre vor und hinter dem Tresen ein, sowie die Gratwanderung der Charaktere zwischen Rausch und Ernüchterung. Soviel Realitätsnähe wirkt ansteckend, stellt aber gelegentlich auch die Geduld auf die Probe.





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