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Kritik: Willkommen bei den Hartmanns (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Eine deutsche Komödie über die Willkommenskultur und die Flüchtlingskrise? Das lässt Peinlichkeiten und Belehrendes befürchten. Aber Regisseur und Drehbuchautor Simon Verhoeven ("Männerherzen") traut sich, die Dinge so auf den Punkt zu bringen, dass die Dialoge lustig wirken und auch noch einen hohen Wiedererkennungswert besitzen. Die verschiedenen deutschen Ängste und Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen, aber auch die Hilfsbereitschaft, die zuweilen übermotiviert sein kann, werden ironisch inspiziert. Außer dem Culture-Clash-Thema behandelt diese gelungene Ensemblekomödie auch noch die vielen Probleme in der Gastfamilie, von der Ehekrise bis zum Eltern-Kind-Konflikt. So ist für Vielfalt, Spannung und kurzweilige, charmante Leichtigkeit gesorgt.

Verhoeven hat ein Talent für lebensnahe Charaktere und Dialoge. Hausherr Richard darf sich konkret und kritisch zur Willkommensgeste der Kanzlerin äußern. Die Hartmanns streiten über den Islam und die Angst, sich vielleicht einen Kriminellen ins Haus zu holen. Kaum ist Diallo da, korrigiert die ehemalige Deutschlehrerin seine Sprache. Oft erntet er für seine Bemerkungen ein mildes Lächeln und die Antwort, "bei uns in Deutschland" sei das anders: Zum Beispiel müssten Frauen nicht gleich einen Mann finden und Kinder kriegen und auf den Ehepartner gebe es keinen Besitzanspruch. Dabei benennt der freundlich interessierte Diallo nur die aus seiner Sicht merkwürdigen Ego-Probleme seiner Gastgeber. Diallo, gespielt vom Belgier Eric Kabongo, ist ein sehr netter Mensch, aber dabei fast schon zu pflegeleicht geraten.

Die meisten anderen Figuren sind sehr gut getroffen. Verhoevens Mutter Senta Berger als Herz der Familie, Heiner Lauterbach im Clinch mit seiner reifen Männlichkeit, Uwe Ochsenknecht als cooler Schönheitschirurg und Partyhengst überzeugen mit besonders stimmigen Szenen. Und Elyas M'Barek sorgt sogar für ein wenig Romantik.

Die bunte inhaltliche Mischung kann verhindern, dass klischeehafte, schwächere Passagen wie die mit dem Workaholic-Anwalt Philip, der seinen Sohn vernachlässigt, die Atmosphäre trüben. Zum Wohlfühlcharakter der Komödie, die einen unaufdringlich versöhnlichen Kurs fährt, trägt auch der Schauplatz München bei. Die wunderbare Villa der Hartmanns, die vielen Joggingszenen entlang der Isar spielen der entspannten, unbeschwerten Stimmung in die Hände. Diese Komödie kann sich also sehen lassen, vor allem weil sie beweist, dass mit feiner Beobachtung, Humor und Selbstironie auch schwierige Themen leicht und dennoch realitätsnah aufbereitet werden können.

Fazit: Simon Verhoevens Ensemblekomödie über eine deutsche Familie, die einen Flüchtling in ihrem Haus aufnimmt, überzeugt als bunte, gut gespielte Mischung aus Culture-Clash und den Beziehungs- und Lebenskrisen der Gastgeber. Die verschiedenen gesellschaftlichen Standpunkte zu den Themen Willkommenskultur und Überfremdungsangst münden in treffenden Dialogwitz. Leichtigkeit, Spaß und Realitätsnähe vereinen sich trotz des schwierigen Themas mühelos.





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