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Rockabilly Requiem
Rockabilly Requiem
© farbfilm verleih

Kritik: Rockabilly Requiem (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Dieses Drama einer Jugendrebellion, mit dem der Regisseur und Drehbuchautor Till Müller-Edenborn sein Kinofilmdebüt gibt, wirkt stärker der Fantasie, als der Realität entsprungen. Die Abenteuer zweier ungleicher Freunde, die gegen die verkorkste Erwachsenenwelt mit Rockabilly-Musik protestieren, müssten nicht unbedingt in den 1980er Jahren spielen. Denn sie sind zum ewigen Traum der Jugend von Ausbruch und Freiheit verdichtet. Müller-Edenborn, der selbst in den 1980ern aufwuchs, greift das Revival auf, das die Rockabilly-Musik damals erlebte. Ansonsten aber ist der Film von einer unbestimmten Nostalgie durchzogen, die sich auch in der Voice-Over-Stimme des längst erwachsenen, zurückblickenden Ich-Erzählers Sebastian ausdrückt.

Starke, prägnante Kontraste geben dem Drama seine atmosphärische Färbung. Das jeweilige Elternhaus von Hubertus und Sebastian wirkt wie aus einem Albtraum entsprungen. Hubertus' Vater unterdrückt den Sohn mit militärischem Autoritätsanspruch, Sebastians Mutter hört auf, sich um die kleine Schwester zu kümmern, als der Vater wieder auftaucht und sie zum Trinken animiert. Vor diesem Hintergrund müssen weder Hubertus mit der Rockabilly-Haartolle, noch der zurückhaltende, immer ernste Sebastian besonders aufmüpfig sein, um in Schwierigkeiten zu geraten. Die häuslichen Dramen spitzen sich mit geradezu opernhafter Konsequenz zu. Debbie wiederum hat selbst einen rebellischen Rocker-Vater, der als Tätowierer arbeitet. Biederes Spießermilieu und ein wenig halb resignierte Unangepasstheit am sozialen Rand ergeben ein Bild provinzieller Stagnation. Die drei Freunde – Sebastian, Hubertus und Debbie – stromern durch die umgebende Natur, finden ihre geheimen Plätze in architektonischen Relikten besserer Zeiten. Auch das Gefühl von Freiheit, das sie gemeinsam entdecken, hat auf diese Weise etwas Melancholisches, ist mehr Traum, als Wirklichkeit.

Die Musik spielt in dieser wehmütig stilisierten Jugendfantasie eine wichtige Rolle, wenngleich der titelgebende Rockabilly lediglich wenige Male zu hören ist. Dann aber dreht er mächtig auf und mit ihm die Stimmung, die ins Wilde kippt. Wenn die "Rebels" spielen, erklimmt der Film kurz rauschhafte Höhen, die schön inszeniert sind. Ansonsten aber wirkt das Geschehen mehr oder weniger entrückt und die großen Gesten der Wut und der Verzweiflung sind wichtiger als eine differenzierte Charakterzeichnung. Die Übertreibung wird Programm, hat aber auch ihre Reize und einen gewissen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Fazit: Eine Musikband als Ausdruck von Jugendrebellion in einem spießigen und prekären Provinzmilieu: Das in den 1980er Jahren angesiedelte deutsche Drama ist auf beinahe zeitlose Art zum gefühlsintensiven Traum von Ausbruch und Anderssein stilisiert. Eine Dreiecksgeschichte bildet den atmosphärischen Mittelpunkt in einem stürmischen Geschehen, das auf starke Pinselstriche setzt und mit seinen großen Gesten einen eigentümlichen Charme entwickelt.





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