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Kritik: Shalom Italia (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein Satz enthält den Kern dieses Films: "Du warst ein Kind", sagt der heute 84-jährige Emmanuel Anati an einer Stelle zu seinem jüngeren Bruder Andrea "und ich wurde viel zu früh erwachsen". Andreas Erinnerungen an eine unbeschwerte Kindheit im Wald, an die gemeinsamen Spiele mit Pfeil und Bogen kann und will er nicht teilen. Obwohl nur zwei Jahre älter, überwiegen bei Emmanuel die Gedanken an die Lebensgefahr, in der seine Familie während des Zweiten Weltkriegs schwebte. Später hat er düstere Gedichte darüber verfasst, danach das Geschehen tief in seinem Gedächtnis begraben. Erst die Reise mit seinen Brüdern fördert lange Verdrängtes wieder zutage.

Regisseurin Tamar Tal Anati spürt dem Politischen im Privaten, der Allgemeingültigkeit im Persönlichen nach. Ihr Dokumentarfilm "Life in Stills" (2011) erzählte die Geschichte des Staates Israel anhand der Karrieren von Miriam und Rudi Weissenstein, eines berühmten Fotografen und dessen Frau, die in ihrem Tel Aviver Fotogeschäft gemeinsam mit ihrem Enkel das Vermächtnis ihres Mannes verwaltete. In "Shalom Italia" folgt Tal Anati nun ihrem Schwiegervater Reuven, den alle nur Bubi nennen, in dessen bewegte Vergangenheit. Sein ganz persönliches Schicksal ist auch eine exemplarische Geschichte über Verfolgung, Flucht und Zusammenhalt, vor allem aber über die Schwierigkeiten des Erinnerns: Kollektiv gebildete Legenden treffen hier auf individuelle Gedächtnisfetzen.

Tal Anati fasst sich erneut erstaunlich kurz. Und so langweilt "Shalom Italia" keine Minute. Virtuos verknüpft die Regisseurin Jahrzehnte überspannende Kohärenzen mit einem einzigen Schnitt. Dann folgt etwa auf eine Erinnerung an den Hunger der Einkauf für das gemeinsame Abendessen. Im Autofenster rauscht derweil die Vergangenheit als vage Archivaufnahmen vorbei. Getragen von Reuvens Erzählerstimme aus dem Off und Kobi Vitmans mal melancholischer, meist beschwingter Musik ist Tal Anatis jüngstes Werk ein dokumentarisches Roadmovie, das mit einer Motorradfahrt über eine Fernstraße beginnt und mit einem manövrierunfähigen Auto auf einem Waldweg endet. Auf ihrer Reise dorthin nehmen die drei Brüder manchen Umweg, verfahren sich ab und an, fahren sich jedoch nie fest. So schmerzhaft ihre Auseinandersetzung mit dem Verdrängten auch sein mag, ihre Lebensfreude bleibt bis zum Schluss ungebrochen.

Fazit: "Shalom Italia" ist ein Dokumentarfilm, der trotz des bedrückenden Themas vor Lebensfreude strotzt. Regisseurin Tamar Tal Anati spürt erneut dem Politischen im Privaten anhand einer bewegenden Familiengeschichte nach. Gemeinsam mit den drei Brüdern, deren Verbundenheit bei allen Differenzen stets spürbar ist, begibt man sich gern auf diesen Roadtrip.





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